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| | Guido Alfs
»Die Zeit war reif für eine Busenvase Pollo«
Anthropomorphismus?
Das Weltbild des heutigen Kindes konstituiert sich laut Dux ebenso subjektivisch
wie das früherer und frühester Gesellschaften, entsprechend
anthropomorphistisch sind die Vorstellungen, die es von den es umgebenden
Gegenständen hat. Aber nicht nur bei Kindern sind Anthropomorphismen noch
vorzufinden. Auch der Erwachsene, seinem Arbeitsprodukt entfremdete Zeitgenosse, greift
ausgesprochen häufig auf das anthropomorphistische Schema zurück und
interpretiert die Welt nach seinem Bilde. Er befindet sich in der paradoxen Lage, einer
technisierten und verwalteten Welt anzugehören, die zwar unter der Ägide eines
nicht-anthropomorphistischen, funktional-relationalen Interpretationsschemas der
Natur zustande gekommen, für ihn als einzelnen aber nicht mehr in all ihren
Ausprägungen funktional-relational zu interpretieren ist. Das Gefühl, von
anonymen Mächten herumgestoßen zu werden, ist überaus verbreitet; was
liegt da näher, als Teile der artifiziellen Welt wieder im subjektivischen Schema zu
begreifen: Dessen Simplizität sorgt für seine unablässige
Betätigung.
Man kann also Anthropomorphismus in zweierlei Weise bestimmen: In individueller
Hinsicht bezeichnet er ein infantiles Objektkonzept, das der Wahrnehmung der
Gegenstände als Subjekte zugrundeliegt; in gesellschaftlicher Hinsicht ein
\"Weltkonzept\", das den im weitesten Sinne religiösen Weltbildern zugrundeliegt.
Der Rückgriff auf das subjektivische Schema ist zunächst allerdings nicht
etwa ein Atavismus im Sinne einer kompletten Regression in ein veraltetes Weltbild,
in dem es sich häuslich einrichten ließe. Er unterläuft den Menschen
vielmehr jenseits dessen, was gleichsam offiziell gilt.
Wenn ein wesentliches Charakteristikum der abendländischen (Geistes-)
Geschichte die Ausrottung des Animismus, mithin die Ablösung des
anthropomorphistischen interpretativen Paradigmas durch ein technomorphes ist, so
lohnt der Blick auf das, was sich trotz dieser Geschichte bis auf den heutigen Tag
durchhält. Je mehr die nicht-anthropomorphistische Gedankenform griff, desto mehr
nahm das von ihr Verdrängte Züge des Grotesken an und wurde ihr obskur.
Die »70er Jahre«
Die Sexualisierung des Designs im Gefolge der 68er Revolution wird von
seiten einiger Designer als Kampfansage gegen die Diktatur der rechten Winkels
verkauft und dadurch mit dem Nimbus einer Dissidenz zum Bestehenden versehen, die als
kritische Haltung gegenüber dem Establishment binnen kürzester
Zeit derart zur Mode, das heißt zum leergefegten Gemeinplatz wurde, daß ihr am
Ende gar ein Altenteil im allgemeinen Curriculum der weiterführenden Schulen
eingerichtet wird.
Freilich ist kaum anzunehmen, daß die formalen Innovationen in Richtung
sexualisiertes Design auf die Bedürfnisse einer rebellierenden Jugend eingingen. Bei
einigen Entwürfen scheinen die Designer das öffentliche Interesse am Thema
sexuelle Befreiung geteilt und nur etwas virtuoser in den Dienst der allgemeinen
Vermarktung von allem gestellt zu haben, als es beispielsweise die
Aufklärungsfilme eines Oswald Kolle taten. Die Zeit war gewissermaßen
reif für eine Busenvase Pollo. Indes, sie war weniger einer Jugend
gewidmet, die sich revolutionär wähnte, als vielmehr ihren älteren
Geschwistern, die zu Geld gekommen waren, aber dennoch nicht zum Establishment
gehören mochten.
Dieses sexualisierte, anthropomorphe Design kann aus heutiger Perspektive durchaus
als Anti-Funktionalismus begriffen werden. Hatte der Funktionalismus zu seiner
theoretischen Begründung aus den ideologischen Quellen des Protestantismus mit
all seiner Leibfeindschaft geschöpft, so nimmt es nicht wunder, daß die
Gegenbewegung sich auf eben diese Leibfeindschaft kaprizierte. Allerdings lief denen sich
als Wissenschaftler gebärdenden Designern mit ihrer mäßig
funktionalismuskritischen Argumentation die Design-Praxis weit voraus. Während
etwa Jochen Gros gedanklich den Funktionalismus zu erweitern versuchte und
Bernhard E. Bürdek das größte Problem in mangelhaftem Wissen um
Design-Methoden sah, hatten andere Designer offenbar keine Probleme bei der Umsetzung
nicht-funktionalistischer Formvorstellungen in die Praxis. Während es (im Unterschied
zu diesen Entwürfen) anfangs schien, als seien Bürdek und Gros vom
marxistischen bzw. im weitesten Sinne kapitalismuskritischen Diskurs am Rande
berührt worden, so führte dies allerdings nicht dazu, ideologiekritische
Erkenntnisarbeit zu leisten, sondern reichte gerade hin, marxistische Sentenzen
u.a. in den Vorworten zu ihren Arbeiten einigermaßen wahllos zu placieren, um damit
dem damaligen Zeitgeist ihren Tribut zu zollen.
Inzwischen fällt es leicht, sich vorzustellen, warum ein Colani Ende der
siebziger Jahre in ein anderes Licht [rückte], warum man seine praktischen
Verbesserungsvorschläge in schwungvoller Linienführung [plötzlich]
durchaus erwägenswert [fand]. Der erotische Charakter (Asendorf) der
von Colani entwickelten Formen paßte ins Bewußtsein derer, die allzulang dem
funktionalistischen Pathos aufgesessen sind und erschien ihnen lange Zeit nach seiner
ersten Inszenierung als Inbegriff dessen, was sie schon immer im Design hatten sehen
wollen, aber bislang nicht wahrzunehmen wagten. Daß diesen Gegenständen
bzw. Entwürfen die gleichen Argumente entgegenzuhalten wären wie dem
Funktionalismus, wurde offenbar nicht realisiert, weil der ideologiekritische Anspruch der
frühen Arbeiten nicht eingelöst worden war.
Die sexualisierten Formen dienten sich dem Käufer als Formen passend zum
Zeitgeist der sexuellen Befreiung an wie das Buch zum Film. Tatsächlich aber
kann von Befreiung angesichts der Formensprache etwa eines Colani nicht die Rede
sein: Dort, wo der Benutzer mit dem Gegenstand in Berührung kommt, wurde jener
von diesem fast zur Gänze umfangen, wenn nicht gar vollständig
eingeschlossen.
Colanis Motorradstudie Motorcycle of Tomorrow - Frog (1973) beispielsweise
oder der Ski-Anzug Aerodynamic Suit for Ski Jumpers (0.J.) drängen sich einem
als ein Art von Plastikfetischismus (analog zu Leder- oder Gummifetischismus) auf. Nach
innen, also auf der dem Benutzer zugewandten Seite, sind diese Gegenstände
gleichsam negativ-anthropomorph, das heißt von einem Standard-Anthropos
abgeformt, nach außen entsprechen sie sexuellen Stereotypen. So wird der Mann in
seiner Freizeit beim Motor- oder Wintersport als ganzes zum losgelösten
Riesenphallus.
Skianzug und Motorradstudie erscheinen als hyperbolische Formulierungen dessen,
was Investitionsgüterdesigner unter dem Stichwort Ergonomie betreiben, und, da sie
auf Freizeit bezogen sind, als dessen Travestie.
Allerdings sind ergonomisch orientierte ernstzunehmende Designer und der
Hackethal des Designs (Peter Raacke) hier nicht so weit voneinander entfernt, wie es
auf den ersten Blick den Anschein hat. Je getreulicher jene den arbeitenden
Standardmenschen abformen und damit angeblich die Anpassung der Maschine an den
Menschen geleistet wird, desto weniger Möglichkeiten hat der wirkliche Mensch,
sich den impliziten Forderungen der wirklichen Maschine, die er bedienen muß,
wenigstens teil- bzw. zeitweise zu entziehen, was darauf hinausläuft, daß der
Designeranspruch sich ins Gegenteil verkehrt und der Mensch sich der Maschine unter
erschwerten Bedingungen anpassen muß. Je obsessiver Colani den freizeitelnden
Standardmenschen in Plastik einschweißt und damit angeblich den Genuß der
Freizeit erhöht, desto weniger Möglichkeiten hat der wirkliche Mensch,
während der arbeitsfreien Zeit des Tages überhaupt noch Bewegungen zu
vollziehen, die nicht industriell vorgegeben sind.
Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang Colanis Gestaltung von
Arbeitsplätzen: Während die Entwürfe für den Fun- und
Sportbereich (der Männer) durchgängig nach außen hin
phallisch, das heißt nach Stereotypen männlicher Sexualität
konzipiert sind, ist die Gestaltung der (Frauen-) Arbeitsplätze weniger einheitlich, aber
vermutlich nach Maßgabe der Vorstellungen ihres Schöpfers von weiblicher
Sexualität vorgenommen worden. Die Kugelküche Circle Kitchen Unit
(1968) ist die Plastikversion eines Uterus — hier soll die Frau an ihrem angestammten Platz
sich geborgen fühlen —, die Sekretärinnenarbeitsplätze Secretary\'s
Seat (1970) aber vergewaltigen die Frau: Kraß schränken sie die
Bewegungsfreiheit ihres Opfers ein und geben vor, ihm etwa durch die ergonomische
Tastatur etwas Gutes zu tun, während das Opfer in Wirklichkeit nicht anders kann, als
sie zu bedienen. An diesem Punkt treffen sich ernstzunehmende und Colani\'sche
Arbeitsplatzgestaltung.
Freilich sind die eben erwähnten Entwürfe nie in Serie produziert worden.
Sie sind Übertreibungen von Serienprodukten und als solche lassen sie manches,
was diesen Serienprodukten ebenfalls eignet, klarer als diese zu Tage treten.
Die als Serienprodukte realisierten Entwürfe scheinen ganz allgemein dem
psychopathologischen Begriff des Fetischs zuzuordnen zu sein: Der Sessel Mama
(1969) von Gaetano Pesce ist ein Torso, die Vase Pollo (1971) von Tapio Wirkkala
eine abgetrennte Brust, Colanis Stereospeakers (1977) sind zu Männlein
verselbständigte Zwillingsphalli.
Wenn ich an dieser Stelle von Fetischismus spreche, folge ich der Definition Binets, die
besagt, daß eine Person nach dem pars-pro-toto-Prinzip durch das faszinierende
Detail substituiert wird. Die pars-pro-toto-Funktion des Fetischobjkets wird
offenbar heute als das Kriterium des pathologischen Fetischismus angesehen.
Damit ist auch der Begriff des Fetischismus, wie ich ihn verwenden möchte,
ausreichend charakterisiert. Das Besondere an den oben genannten Gegenständen
ist nun, daß sie vorerst Fetischobjekte ohne Fetischisten sind. Das bedeutet, daß
sie als Waren ihren jeweiligen Fetischisten in Gestalt ihres Käufers erst noch
bekommen müssen. Sind die Menschen unter dem Bann des
Tauschverhältnisses ohnehin schon zu Warenfetischisten geworden, so werden sie
durch die industrielle Indienstnahme des Sexuellen auch noch zu virtuellen Fetischisten im
psychopathologischen Sinne gemacht. Oder anders gesagt: Hatte der im
ästhetischen Schein der Warenästhetik versprochene Gebrauchswert seit je in
gewisser Hinsicht pars-pro-toto-Funktion, indem durch ihn die Erfüllung ganz
anderer und von mehr Wünschen, als das tatsächliche Produkt zu erfüllen
im Stande ist, dem Käufer versprochen wird, so bekommt bei den anthropomorphen
und insbesondere den sexualisierten Waren diese Funktion zusätzlich eine
Bedeutung, die den Warenfetisch zum Sexualfetisch werden lassen. Freilich ist der mit
symbolischer Bedeutung aufgeladene Sessel ebensowenig zu Befriedigung
fetischistischer sexueller Gelüste geeignet wie die Zigarette zur Erfüllung der
Sehnsucht nach der großen freien Welt.
Die sexualisierte Variante anthropomorphen Designs ist als Modeerscheinung aus
dem Objekt-Design relativ schnell verschwunden. Im Kommunikations-Design
jedoch hat sie sich in subtilerer Machart erhalten. Mit Blick auf die Detailperspektive im
Bereich der ästhetischen Massenkommunikation des spätkapitalistischen
Marktes schreibt Gorsen: In der textlichen und optischen Werbung für Waren
markiert der Fetischismus geradezu die veränderte ästhetische
Wahrnehmungsnorm, die ästhetisch ideale Einstellung des Konsumenten.
Allerdings wird durch die fetischistische Detailperspektive nicht
notwendigerweise der Gegenstand, auf den sie sich richtet, anthropomorphisiert.
Ebensowenig müssen die in der Werbung verwendeten anthropomorphen Formen
notwendig sexuelle bzw. fetischistische Konnotationen aufweisen. Vielmehr kann man es
bei der Werbung bei der einfachen Feststellung belassen, daß sie ausgiebig von
anthropomorphen Formen Gebrauch macht. Ein kleiner Exkurs zu zwei aktuellen
Reklamebeispielen soll dies verdeutlichen:
Ob man beispielsweise bei der Rasiererwerbung im beworbenen Gegenstand etwa
einen Phallus sehen will, was angesichts des formalen Aufbaus seiner Seitenansicht nicht
ganz unberechtigt wäre, ist zum Nachweis des werbetechnischen Gebrauchs
anthropomorpher Formen in diesem Fall insoweit unerheblich, als dieser Gegenstand
durch den Slogan ohnehin gleich zur Gänze anthropomorphisiert wird: Der an die
Spitze wollende Käufer soll sich mit diesem Spitzenerzeugnis der Rasierbaukunst
identifizieren: im Kopf beweglich ist der (Möchtegern-) Spitzenmanager
sowieso, ebenso, wie dieser prächtige Rasierer am Kopf beweglich ist.
Daß Rasierer seit langem von der Werbung zum Signum viriler Potenz gepaart mit
bewunderungswürdigem Erfolgsstreben gemacht worden sind, kommt dieser
Anzeige außerordentlich entgegen, so daß auf ausdrückliche
Sexualisierung verzichtet werden kann; vielmehr soll diese sich durch eingeschliffene
Assoziationsketten im Kopf des Anzeigenlesers gleichsam selbst vornehmen.
Die Anzeige für den Kleinbildfilm schließlich kommt ganz ohne den in der
Fotoartikelreklame der siebziger Jahre so beliebten Verweis aufs Geschlechtliche aus. Ihr
kommt es allein auf das witzige Motiv an, und das ist in diesem Fall die
Physiognomie der Fensteröffnung.
Selbstverständlich hält sich das heutige Kommunikationsdesign nach wie
vor die Option offen, ihre Gegenstände zu erotisieren oder zu anthropomorphisieren,
allerdings ist dies nur eine von vielen Techniken aus dem Arsenal der Reklame und hat
offenbar keinen besonderen Status innerhalb dieses Arsenals mehr.
Fun
Wenn ich von kritischer Haltung als einem Gemeinplatz gesprochen habe, so
meine ich damit nicht nur die Attitüde der Verfechter sexualisierten Designs, sondern
auch und insbesondere den Habitus einer Gruppe von Design-Theoretikern, die sich um
die Formulierung einer disziplinären Design-Theorie bemühen und als
deren hervorragendster Vertreter wohl Jochen Gros zu nennen wäre. Der eigentliche
Berührungspunkt zwischen Gros\' Theorie und der postulierten Entwurfspraxis liegt in
der den schnöden Funktionalismus überwinden sollenden Aufrichtung
symbolisch-funktionaler Leitbilder. Die Naivität der von Gros hierzu
geäußerten Gedanken setzt sich fort in den naiven Formen, welche die neuen
Leitbilder und Präzedenzfälle künftiger Gestaltung abgeben
sollen. Die im ersten Teil der Symbolfunktionen unter dem Titel Grundkurs zur
Symbolik referierten didaktischen Übungen haben zum Ziel, die Studenten die
Welt der Artefakte im anthropomorphistischen Schema wahrnehmen zu lassen. Dies soll
u.a. dadurch erreicht werden, daß die Designer in spe Kugelschreiber intuitiv
benamsen oder eine Heiratsanzeige für ein Produkt erfinden müssen.
Das heißt: bei jeder Produktbetrachtung projezieren wir menschliche Eigenschaften
in die Dinge hinein – fast wie Kinder und Animisten. Bei der Produktgestaltung soll dann
den kaufenden Animisten durch die Anthropomorphisierung der Produkte
entgegengekommen werden. Im Postulat, Produktpersönlichkeiten zu
designen, die gelegentlich sogar anfangen zu tanzen oder zu singen, markiert bei
Gros nun statt des Fetischismus der Infantilismus die ästhetisch ideale Einstellung
nicht nur des Konsumenten, sondern auch des Entwerfers. Anders gesagt: War der ideale
Konsument sexualisierten Designs Fetischist, so ist er in Gros\' Version vom Design der
Zukunft vollständig zum Kind regrediert. Wird dort die fetischistische
Teilsetzung durch das Industriedesign vorweggenommen, so hier die
animistische Projektion.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß der Funktionalismus nicht nur
Gegenbewegung zum Stilwirrwarr des ästhetischen Eklektizismus, sondern auch und
vor allem gegen die anthropomorphe Qualität dieses Eklektizismus gerichtet war.
Verstellte die Kritik am Funktionalismus lange Zeit den Blick auf dessen emanzipatorische
Dimension, lenkt nunmehr die implizite Verurteilung des Benutzers zur Regression durch
den Antifunktionalismus eben darauf die Aufmerksamkeit, daß ästhetische
Sachlichkeit ihren Widerpart in ästhetischer Menschlichkeit hat.
Während der Funktionalismus versuchte, die Dinge und den Umgang mit ihnen zu
versachlichen, versucht die Gegenbewegung, die Dinge wieder zu vermenschlichen, wobei
ihr nolens volens ein infantiler Benutzer dieser Dinge vorschwebt. Ihr Drang, nach dem
Absolutheitsanspruch eines sinnenfeindlichen Funktionalismus nun den Spaß, den
Unsinn und der Lebensfreude wieder einen angemessenen Platz einzuräumen,
zeitigt Gebrauchsformen, die das, was die Spielzeugindustrie sich seit langem zu Nutze
macht, das anthropomorphistische Weltbild von Kleinkindern, zur Grundlage einer ihnen
adäquaten Haltung verfestigen. Die Wirkung solcher Gebrauchsformen wäre
die Beförderung und Ausbeutung der Ich-Schwäche, zu der die
gegenwärtige Gesellschaft [...] ihre ohnmächtigen Angehörigen ohnehin
verurteilt.
Kam der Funktionalismus der Ulmer Schule in der zwanghaften Nachahmung
positivistischer Wissenschaft zu sich selbst, geht das Design, das seinen
Funktionalismus und Antifunktionalismus angeblich hinter sich hat, ohne Rest in
der Kulturindustrie auf: ihm zufolge soll es im Produktbereich [...] um den Ausdruck eines
mehr humorvollen oder auch \'clownesken\' Lebensgefühls gehen, folglich wird den
Dingen dieser Ausdruck übergestülpt, um endlich sich selbst, ihren Entwerfer
und ihren Benutzer auf einmal zu verlachen. Fun ist ein Stahlbad. Die
Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig. Lachen in ihr wird zum
Instrument des Betrugs am Glück. Schon in der Überschrift Theorie der
Produktsprache ist der Anthropomorphismus und der infantile Kunde, der sich von den
Produkten angesprochen fühlen soll, bereits mitgesetzt.
Während der Funktionalismus pädagogischen Anspruch gegenüber
den unmündigen Konsumenten hatte und zu ihrem Oberlehrer wurde, möchte
der Antifunktionalismus sich gleich zu ihnen in den Sandkasten setzen. Ob die
Konsumenten nun wirklich so unmündig sind, wie Funktionalismus und
Antifunktionalismus es festgeschrieben haben, ist indes zu bezweifeln. Von
Designdoktrinen jedenfalls lassen sie sich nicht bevormunden. Die wenigsten Wohnungen
sind funktionalistisch oder mit sprechenden Produkten eingerichtet. Das soll nicht
heißen, daß alles nicht so schlimm ist. Der Fetischcharakter der
Ware ist dadurch nicht aufgehoben, daß die Konsumenten
warenästhetischen Manipulationen aufsitzen, die keiner Designtheorie entsprechen.
Jedoch: Die lebendigen Menschen, noch die zurückgebliebensten und
konventionell befangensten, haben ein Recht auf die Erfüllung ihrer sei\'s auch
falschen Bedürfnisse. Sie werden von der Kulturindustrie in dieser Hinsicht
bestens bedient. Daß am Ende alle Dinge so aussehen werden, wie der tapfere
kleine Toaster oder wie sie Alice im Spiegelland begegnen, ist zwar nicht zu
befürchten; in der Tendenz anthropomorphen Designs zu Karikatur offenbart sich
jedoch das, was es als Erfüllung legitimer Bedürfnisse ausgibt, als
Verhöhnung dessen, was an diesen legitim immerhin sein könnte.
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