Simone Hain
Mart Stam in der DDR
»...spezifisch reformistisch bauhausartig...«
Mart Stams DDR-Intermezzo währte vom März 1948 bis zum 31. Dezember
1952. Zwischen diesen beiden Daten liegen Ereignisse, die für Stam geradezu
traumatische Folgen gehabt haben müssen. Das modische Wort »Karriereknick« ist
nicht annähernd geeignet, die Konsequenzen einer kulturpolitischen
Auseinandersetzung zu erfassen, die für den Betroffenen in diesem Falle
persönlichkeitsvernichtende Züge annahm.
Fragt man Zeitzeugen heute, mehr als vierzig Jahre später, nach Mart Stam, so
begegnet man zweierlei Haltung: warmherzige, verbundene Erinnerung an ein »Opfer« der
stalinistischen Kulturpolitik oder abwehrende, kühl-distanzierte Zurückhaltung
gegenüber dem »Täter«. Das erste gilt vor allem für die Berliner Zeit, die
zweite Haltung überwiegt in Dresden. Indifferent äußerte sich keiner der
Befragten. Das kann auch nicht verwundern, reflektieren sie doch eine Zeit, in der nicht
allein Mart Stams ethische, soziale und ästhetische Wertvorstellungen in
unerbittlichen Machtkämpfen auf harte Proben gestellt waren.
Als Mart Stam im März 1948 in die DDR übersiedelt, folgt er einer Einladung,
mitzuwirken bei der Reform des Kunstschulwesens in der sowjetisch besetzten Zone, bei
der Förderung der industriellen Produktion durch Typenmusterentwicklung,
Produktüberwachung und Verfahrensentwicklung sowie bei der Wiederaufbauplanung
in Dresden. Hinter dem Ruf aus Sachsen steht Liv Falkenberg (Liefrinck), die Stam seit ihrer
Jugend aus der holländischen Friedensbewegung kannte. Seit ihrem ersten
Zusammentreffen mit dem eben aus der Haft entlassenen jungen Wehrdienstverweigerer
Stam war die holländische Architektin ihrem Landsmann an entscheidenden
Stationen ihres Lebens immer wieder begegnet: Beim Bau der Stuttgarter
Weißenhofsiedlung, in Frankfurt am Main unter Ernst May, im Freundeskreis der De
8-Gruppe in Amsterdam und schließlich im holländischen Widerstand unter
konspirativen Bedingungen. Was lag angesichts der Zerstörungen im
Nachkriegsdeutschland und der gewaltigen Probleme bei der Rekonstruktion der
obersächsischen Leichtindustrie näher, als den Freund zu diesen Aufgaben,
für die Otto Falkenberg, Livs Ehemann, als sächsischer Industrieminister
verantwortlich war, heranzuziehen.
Mart Stams Berufung in die sowjetisch besetzte Zone erfolgt mit »ausdrücklicher
Unterstützung« des Zentralsekretariats der SED und der SMAD (Sowjetische
Militäradministration), die, so Oberstleutnant Alexander Dymschitz, »Stam genau
kenne und ... es gewesen, die seine aktive Mitarbeit in Dresden (gegen die dortigen
Widerstände - d. A.) habe durchsetzen müssen«. (1)
In Kontakt mit Gerhard Strauß, Referatsleiter für Bildende Kunst bei der
Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung, entwickelt Mart Stam eine
»beeindruckende Konzeption« für die Reorganisation der Kunsthochschulen mit
akzentuierter Ausrichtung auf die Förderung der Industrie- und Alltagskultur. (2)
Das umgehende Angebot seitens Strauß, ihn als Rektor der zu vereinigenden
Akademie der Künste und der Hochschule für Werkkunst in Dresden
einzusetzen, allerdings ist ein wohlkalkulierter Akt. Angesichts der Situation im
traditionalistisch orientierten Dresden mit seinen starken
Künstlerpersönlichkeiten aus dem Kreis der ASSO (Assoziation der
proletarisch-revolutionären Künstler) bedeutet die Benennung Stams zum
Nachfolger des schwer an Tuberkulose erkrankten Hans Grundig einen gezielten Affront.
Konflikte zwischen dem »Newcomer«, dem »kosmopolitischen Globetrotter« und den
ansässigen Künstlern waren durch diese Entscheidung klar
vorprogrammiert.
Trotz des Vertrauensvotums aus Berlin und sowjetischer Unterstützung ist Mart
Stam in den ersten Monaten seiner Tätigkeit in Dresden daher gezwungen, sich wie
auf Partisaneneinsatz zu bewegen. Erst ein Sitzstreik der Studenten, die fordern, daß
der neue Mann sich legitimiere, veranlaßt dessen Berliner und Dresdener
Vorgesetzten, ihn mit den nötigen Handlungsvollmachten auszustatten:
»Stam ist seit Juli etwa in Dresden. Seine Heranziehung zur Arbeit hat sich aus sachlich
nicht erklärlichen Gründen monatelang verzögert, was zu einem
Brachliegen dieser fachlich und politisch weltbekannten Kraft geführt hat. Seit Oktober
oder November ist Prof. Stam endlich mit der kommissarischen Führung der
Hochschule für Werkkunst beauftragt, im Januar soll ihm kommissarisch ebenfalls
die Akademie übertragen werden.« (3)
Stams erster Amtsakt als Rektor ist die Entlassung von vier profilierten Lehrern, die
nicht in sein Hochschulkonzept passen. Sie müssen gehen, teilweise ihrer
politischen Vergangenheit wegen. Daß diese Begründung eine Alibifunktion hat,
macht die gleichzeitige Berufung von Marianne Brandt deutlich, die Stam aufrichtigerweise
darauf hinweist, daß sie Mitglied der Reichskulturkammer gewesen sei. (4)
Der Fall von Mart Stam und sein Dresdener Reformversuch ist eines der seltenen
Beispiele, in denen eine politisch protektionierte Moderne, wenn auch für historische
Momente, ihr diktatorisches Wesen entfalten konnte. Hineingestellt in eine seinem Konzept
feindliche Umwelt, aber in Übereinstimmung mit der »Zentrale« in Berlin, praktiziert
Stam in Dresden eine Machtpolitik ohne Konzilianz gegen ästhetisch anders gelagerte
Vorstellungen. Was sich damals vollzog, war letztendlich ein Kampf unter politisch
Gleichgesinnten um die kulturpolitische Strategie der sozialistischen Gesellschaft. Stam
führte diesen Kampf überzeugt von der Richtigkeit der eigenen Position sehr
unversöhnlich. Eine pluralistische Entfaltung wies er entschieden zurück,
damals schien sie ihm wohl undenkbar. Er konnte nicht ahnen, daß diese letztlich
dogmatische Haltung sich drei Jahre später gegen ihn selbst richten würde.
Tragischerweise geschah das in einer Situation, als er in einem homogenen und integren
Kollektiv in Berlin gerade im Begriff war, seine Idee von einer dem Alltagsleben der
Menschen dienenden, modernen Industriekultur und Kunst zu verwirklichen.
Für Mart Stam war 1948 in Dresden das Ziel glasklar. Die Dresdener
Kunsthochschulen - an denen es bereits keine Architektenausbildung mehr gegeben hatte -
sollten unter dem Primat der Architektur vereinigt werden: »neuer Name der Schule: b a u s c
h u l e . Staatliche Hochschule für freie und industrielle Gestaltung«. (5)
Auf Anregung Ludwig Renns hin, stellt Mart Stam am 4.2.1949 schließlich den
Antrag, mit der Schule vollkommen nach Hellerau in die Tessenowsche Bildungsanstalt
überzusiedeln, was allerdings nicht geschah.
»Dieses schulgebäude ist vorläufig als ideal zu betrachten für die neue
kunsthochschule dresdens - ein ordentlicher schulbau mit möglichkeit des internats,
des arbeitens nach der natur und des praktischen arbeitens in und mit den deutschen
werkstätten, die sich ja in nächster nähe der tessenowschule
befinden.«(6)
Die Dresdener Maler sehen das sehr klar als einen Frontalangriff gegen das
Akademieprinzip und gegen die Meisterateliers an. Sie nehmen den Kampf auf, »um den
Scheißern zu beweisen, was eine Harke ist«. »Es ist der ewige Kampf zwischen den
sogenannten Intellektuellen, den kalten Schöngeistern, Winkelarchitekten und den
schöpferischen Kräften, den künstlerischen Menschen ... Wir
müssen versuchen, soviel als möglich von dem Wesen der Akademie zu
erhalten, d. h. alles tun, damit ein Nachwuchs gesichert ist, der die Kunst, die bildnerisch
gestaltende Kunst für die Zukunft sichert, in der sie eine große gesellschaftliche
Aufgabe zu erfüllen hat. Stam ist meines Erachtens, derselben Ansicht ist auch Bill
(Lachnit), Theo (Richter) und Josef (Hegenbarth), nicht der Mann, befruchtend und
vorwärtsweisend zu wirken, nicht auf diesem Gebiet: Die alte Garde lebt, trotz alledem.
Auf uns richtet die Welt ihre göttlichen Augen. In Wirklichkeit haben nur wir allein den
realen Beweis zu liefern ..., daß Sozialismus keine Utopie bleibe ...« (7)
In der Tat ist Mart Stam bei seinem Dresdener Engagement beherrscht von den alten
avantgardistischen Affekten wider die Akademien, den Kult des Künstlerindividuums
sowie die Tafelmalerei fürs bürgerliche Interieur. Er steht auf der Seite der
»Malerkollektive«, die 1949 an den großen Wandbildern für öffentliche
Räume arbeiten.
Er ist bestrebt, den alten Lehrkörper schrittweise durch neue Kräfte zu
ersetzen und stützt sich auf die »jungenmenschen«, die noch begeisterungsfähig
für die »neuezeit« seien.
Die »jungen Menschen« ziehen im Blauhemd singend durch die Hochschule,
erkämpfen auf den sozialistischen Großbaustellen blaue Ehrenbanner und sind
ganz eigentlich die Kraft, auf die sich Stams aktivistische, lebensreformerische
Hochschulpädagogik stützt.
An John Heartfield, den er für Graphik berufen möchte, schreibt er am
4.10.1949:
»vor etwa einem jahr haben auch wir das arbeitsgebiet im westen (holland) gerne im
stich gelassen, um uns hier den großen aufgaben des demokratischen neuaufbaus zu
widmen.
wir sind vollauf dabei, die erziehung des künstlerischen nachwuchses neu zu
formen und glauben, daß auch sie dabei einen wesentlichen beitrag geben
können.« (8)
Mit ähnlichen Bitten um Mitarbeit an seiner Schule wendet sich Stam auch an Fritz
Koelle (Plastik), Heinz Lohmar (Zeichnen und Malen), Lex Metz, Hajo Rose (Farbe, Form,
Schrift), Guido Reiff (Literaturgeschichte), Helmuth Prange (Bühnengestaltung), Erich
Nicola, Günter Strupp, Otto Winkele (Stein, Holz, Plastik), Marianne Brandt (Metall,
Keramik, Holz), Hans Christoph (Werbung), Hirzel (Werkkunde), Rudi Högner (Textil)
sowie an die Berliner Künstler Arno Mohr, Horst Strempel, René Graetz, Rudolf
Bergander, die er versucht, im Oktober 1949 als geschlossene Gruppe aus
Weißensee nach Dresden zu berufen. Für die sozialwissenschaftlichen
Fächer gewinnt er den Philosophen Hermann Ley, Ludwig Renn (Kunstgeschichte),
Rudolf Neubert (Anthropologie und Sexualwissenschaften) sowie Will Grohmann
(Kunstkritik, Moderne).
Sein außerordentlich anspruchsvolles Programm, das zu diesem Zeitpunkt die
volle Unterstützung der Deutschen Verwaltung für Volksbildung und der
Sowjetischen Militäradministration genießt und in den Zweijahresplan der
sowjetischen Besatzungszone integriert ist, scheitert jedoch am Widerstand der Dresdener
Kulturkreise und der örtlichen SED-Funktionären der sogenannten
»Parteigruppe Weidauer«. Er kulminiert in der Auseinandersetzung um die Einsetzung der
eben aus dem palästinensischen Exil zurückgekehrten, in Dresdener
ASSO-Kreisen hochangesehenen Grafikerin Lea Grundig als Prorektorin, die Stam
entschieden ablehnt.
Eine weitere Ursache für den heftigen Widerstand gegen seine Person in
Dresden liegt in Stams Wiederaufbauplanungen für die schwer zerstörte Stadt
begründet. Mit zwei bereits durch die sächsische Regierung als
Generalaufbauplan bestätigten Planungen hatte sich Stam für einen radikal
stadterneuernden Aufbau der Innenstadt ausgesprochen, der kaum Rücksichten auf
den Grundriß der historischen Stadt nahm. Dieser Generalangriff auf die
Idendität der Stadt rief die Tradtionalisten auf den Plan und veranlaßte Kurt W.
Leucht beim Oberbürgermeister Walter Weidauer zu intervenieren. Leucht, der
seinerzeit im Büro von Ernst Sagebiel »sehr viel gelernt« hatte, legte 1950 als
Dresdener Stadtbaurat ein umfassendes Planwerk für den Wiederaufbau der Stadt
vor, mit dem er seine in den dreißiger Jahren erworbene Kompetenz unterstrich. Seine
Kenntnisse der Wiederaufbauplanungen unter Rudolf Wolters und Konstanty Gutschow
noch aus den Kriegsjahren sollten ihn in der Folge prädestinieren als Abteilungsleiter
im Ministerium für Aufbau die Planung der Aufbaustädte der DDR verantwortlich
zu leiten. Er muß als ein wesentlicher Autor der »16 Grundsätze des
Städtebaus« angesehen werden, mit denen die Regierung der DDR im September
1950 das verbindliche Leitbild einer Rekonstruktion der organisch gewachsenen Stadt unter
Beseitigung ihrer Mängel beschloß. Zwar in ideologisch neuem Gewande
wurden so bis zum Ende der fünfziger Jahre ungebrochen Konzeptionen der Nazizeit
weitergeführt, die vermeintlich wertfrei und zeitlos von einem elitären
Expertenkreis unter Albert Speer für die Neuordnung der deutschen Stadt entwickelt
worden waren. Aus dieser Tradition heraus ist auch die »erste sozialistische Stadt« der
DDR, Eisenhüttenstadt, von Leucht und Josef Kaiser geplant worden.
Der Konflikt an der Dresdener Akademie für Bildende Künste ist
schließlich 1950 in einem Stadium angelangt, in dem es nur noch möglich ist,
die Protagonisten des Streites durchweg zu relegieren und Stam nach
Berlin-Weißensee zu versetzen, »wo er sich mit seinen zweifellos vorhandenen
großen Fähigkeiten besser entwickeln kann als in Dresden.« (9)
Während die fachliche und pädagogische Arbeit Stams von den Genossen
einer SED-Parteikontrollkommission durchweg positiv beurteilt wird, heißt es in dem
von ihr 1950 verfaßten Bericht hinsichtlich seiner politischen Qualitäten dagegen:
»Gegenüber diesen sehr positiven Erfolgen des Genossen Stam steht seine Stellung
zur Partei, die individualistisch ist und sehr stark durch sein persönliches Verhalten
zum Gen. Holtzhauer bestimmt wird. Der Begriff Parteidisziplin und Parteiverbundenheit ist
nicht so stark beim Gen. Stam, daß er Beschlüsse, mit denen er nicht
einverstanden ist, trotzdem durchführt. Allerdings sind diese Beschlüsse formal
und ohne genügende Berücksichtigung der Verhältnisse gefaßt
worden ...« (10)
In einer 1951 angeforderten Beurteilung Stams durch seinen Nachfolger in Dresden
heißt es dann wesentlich prononcierter:
»Die Konsequenz, die er beim Beschreiten des an sich falschen, einmal
eingeschlagenen Weges an den Tag legte, läßt den Schluß zu, daß er
gelenkt durch sein fachliches Besserwissen, das allerdings aus seiner bürgerlichen
Herkunft stammt, die heute neu beschrittenen Wege (des »sozialistischen Realismus« - d.
A.) als fachlich unzulänglich betrachtet und es eigentlich als Mission ansieht, nach
seiner Perspektive kulturerhaltend zu wirken, ein Kurzschluß, der wiederum seine
ideologischen Unklarheiten offensichtlich macht.
Ansätze für die Feststellung, daß Prof. Stam bei ernsthafter Diskussion
sich für den neuen Weg der Kunstentwicklung entschließen kann, bestehen
nicht, weil seine heutige Stellungnahme so in seinem Wesen verankert ist, daß ein
Abgehen von diesem Standpunkt nicht möglich ist, o h n e d a ß e r s i c h d a b
e i s e l b s t a u f g i b t ... (Hervorhebung d. A.)
Die spezielle fachliche Seite, vom Schulischen her gesehen war bei ihm so spezifisch
reformistisch bauhausartig, daß sie selbstverständlich von uns heute nicht mehr
als tragbar angesehen werden kann.
Er hat sich mit dieser spezifisch geistigen und modernistischen Haltung einmal in
Widerspruch zu unserem demokratischen Neuaufbau gebracht und zudem ist er
natürlich mit dem Teil der Dozentenschaft in Konflikt geraten, der unter anderen
künstlerischen Perspektiven sich an die Lösung unserer heutigen Aufgaben
herangearbeitet hat.« (11)
Zu dem Zeitpunkt als diese Beurteilung über ihn erstellt wird, ist Mart Stam bereits
über ein Jahr mit größerem Erfolg als in Dresden in
Berlin-Weißensee als Direktor der Hochschule für angewandte Kunst und des
bei ihr auf Grundlage der Kulturverordnung vom 16. März 1950 gebildeten Institutes
für industrielle Gestaltung tätig.
In dieser Verordnung war für Mart Stam, der die Hochschule und das Institut am 1.
Mai 1950 als Direktor übernahm, ein umfangreiches Programm vorgegeben:
»Für die Hochschule für angewandte Kunst in Berlin wird ein neues
zweckentsprechendes Gebäude errichtet. Für den Bauabschnitt im Jahre 1950
stehen DM 600.000,- bereit. An der Hochschule ist ein Lehr- und Forschungsinstitut
für industrielle Gestaltung mit Abteilungen für Keramik, Hausgeräte,
Möbelbau und Textilien einzurichten.« (12)
Nachdem das Projekt für den Neubau nach Einsprüchen der Berliner
Stadtplanungskommission - wiederum auf Betreiben des nunmehr auch in Berlin
tätigen Leucht - gegen den von Stam vorgelegten Massenaufbauplan auf Eis gelegt
ist, konzentrieren sich Stams Bemühungen auf die Profilierung des neuen Institutes
für industrielle Gestaltung.
»Das Institut wird weitgehend Unterlagen und Material sammeln; es wird
Mustersammlungen zusammenstellen und systematisch auf den verschiedensten
Gebieten Spezialisten mit Forschungsaufgaben betrauen.
Nach und nach wird dieses Institut imstande sein, immer mehr Betrieben zu helfen und
sie bei der Verbesserung ihrer vorhandenen und gangbarsten Produkte zu beraten. Das
Institut wird den Betrieben von Fall zu Fall - und immer in engstem Kontakt mit der
Produktion - neue Modelle und neue Muster zur Verfügung stellen.« (13)
In der Tat entfaltet das Institut eine weitgefächerte - doch in ihrem Erfolg sehr
unterschiedliche - Tätigkeit. Stam nimmt seine Aufgaben in den branchenbezogenen
Beiräten für Produktgestaltung beim Ministerium für Leichtindustrie und in
den Kommissionen für die Auswahl von Modellen für die Leipziger
Mustermesse ausgesprochen ernst. Er tritt hier als ein äußerst kritischer
Gutachter auf und gewinnt damit die Anerkennung und Achtung seiner Partner bei der
Industrie, beim Zentralamt für Forschung und Technik der Staatlichen
Plankommission sowie beim Deutschen Amt für Meßwesen und
Warenprüfung. Doch die Ansätze für eine niveauvolle Produktgestaltung
werden durch andere Entwicklungen infragegestellt und letztendlich zunichte gemacht.
Die 5. Tagung des Zentralkomitees der SED hatte im März 1951 nach
eingehender Diskussion verschiedener Kunstkonzepte eine Entschließung »Gegen
den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kunst«
herbeigeführt.
Während Bertolt Brecht, Kurt Schwaen, Ernst Busch, Hanns Eisler und Hans Pitra
eher beiläufig kritisiert werden, konzentrieren sich die Angriffe namentlich auf die
Lehrer der Hochschule für angewandte Kunst in Weißensee. Der die
»Formalismus-Debatte« einleitende Orlow-Artikel habe in »Weißensee wie ein
Posaunenstoß gewirkt ... und in die formalistischen Mauern von Jericho schon eine
ziemliche Bresche geschlagen ... Die Mehrzahl der Dozenten, an ihrer Spitze der Genosse
Stam, war maßlos empört, persönlich gekränkt und fühlte sich
durch den Orlow-Artikel, wie sie sagen, ›unsachlich zerschlagen‹. Das ginge soweit,
daß die Künstler, würde man weiter so mit ihnen verfahren, vernichtet
würden und nicht mehr arbeiten könnten. Sie konstruieren einen Gegensatz
zwischen Parteimitglied und dem Künstler, und von diesem Standpunkt sind sie bis
heute noch nicht restlos abgegangen ...
Im Gegenteil, er (der Genosse Stam - d. A.) ist der Ansicht, daß man nicht ›so
unversöhnlich diskutieren dürfte‹. Durch seine Haltung ermutigt er einige
Genossen Dozenten, vor allem Strempel, Kilger, Mohr und andere (a.a.O. Selmanagic - d.
A.) ...
Der Schulleiter, unser Genosse Stam, ist ein Formalist; darum kann er auch nicht der
Wortführer der Gestaltung einer realistischen Kunstentwicklung in dieser Schule
sein.« (14)
Es folgen Monate unsäglichen Krieges gegen die Hochschule in
Weißensee, gegen das ihr angeschlossene Institut für industrielle Gestaltung,
Sabotage der Forschungsaufträge für die Industrie, Haussuchungen,
Spionagevorwürfe, eine Anzeige wegen »entarteter Kunst« und schließlich nach
einem persönlichen Affront des regierenden Möbeltischlers Walter Ulbricht
anläßlich des bauakademieinternen »Wettbewerbs für Serienmöbel«
am 22. September 1952 das Hausverbot für Mart Stam in Weißensee. (15) Die
solidarische Haltung des Lehrkörpers, vor allem Horst Strempels, nutzt Stam in dieser
Situation nichts mehr. Ihm nutzt auch nicht, daß Berliner Möbelwerker im Juli
1953 die von der Bauakademie entwickelte Kollektion »neuer deutscher Möbel« durch
Arbeitsniederlegung abweisen.
Am Neujahrstag 1953 hat er gemeinsam mit seiner Frau Olga Stam-Heller »krank an
Leib und Seele« die DDR verlassen.
Noch in dem im Jahre 1982 erschienenen Band »Kunst der DDR 1945 – 1959« wurde
Mart Stam, der in dieser Zeit die beiden bedeutendsten Kunsthochschulen des Landes
geleitet hatte und 1949 für die Gestaltung der »II. Deutschen Kunstaustellung«
verantwortlich gewesen war, nicht einmal erwähnt.
1952 zur Unperson erklärt, wurde sein Wirken in der DDR bis zu einer ersten
Veröffentlichung von Gerhard Strauß anläßlich des Internationalen
Bauhauskolloquiums 1976 geradezu mit einer damnatio memoriae verhängt.
Anmerkungen
1 Aktennotiz Dr. Strauß, 3.3.1949, Betr. Kunstakademie und Hochschule für
Werkkunst in Dresden, Beilage zum Kontrollbericht vom 17. Februar 1949 (Kontrolle
Dezember 1948), Spezielle politische Situation, S. 3 Zentrales Parteiarchiv der SED, Institut
für Geschichte der Arbeiterbewegung (ZPA/IGAB) Zentralkomitee, Kultur IV
2/9.06/180
2 Vergl. Gerhard Strauß: Mart Stam und sein früher Versuch, Traditionen des
Bauhauses in der DDR schöpferisch aufzunehmen. In: Wissenschaftliche Zeitschrift
der Hochschule für Architektur und Bauwesen (1976), H. 5/6, S. 540-542
3 Aktennotiz Dr. Strauß, 3.3.1949, a.a.O., S. 3
4 Brief Marianne Brandt an Mart Stam vom 7.2.1949. Archiv der Hochschule für
Bildende Künste (HfBK) Dresden, Handakte Stam
5 Schreiben Mart Stams an Ministerialdirektor Pusch vom 27.11 1948. Archiv HfBK,
Dresden, Handakte Stam
6 Schreiben Mart Stams an Minister Holtzhauer vom 4.2.1949. Archiv HfBK Dresden.
Handakte Stam
7 Eugen Hoffmann in einem Brief an HansGrundig am 10.12.1948. In: Hochschule
für Bildende Künste Dresden. Eugen Hoffmann, Lebensbild – Dokumente –
Zeugnisse. Wissenschaftliche Beiträge. 27/85
8 Brief Mart Stams an John Heartfield vom 4.10.1949. Archiv der Hochschule für
Bildende Künste, Dresden. Handakte Stam
9 Abteilung Kultur und Erziehung, Bericht der Lage der Hochschule für Bildende
Künste, Dresden, 5. März 1950. S. 2 ZPA/IGAB Akte Zentralkomitee, Kultur IV
2/9.06/180
10 ebenda
11 Beurteilung über Professor Stam vom 17.5.1951 (Prof. D.) Archiv HfBK
Dresden, Akte Kader (Ka 10) 1951-1959
12 Kulturverordnung Nr. 28, Abschnitt I, Absatz 5 vom 16. März 1950
13 Mart Stam, Neues Institut für industrielle Gestaltung, Berliner Rundschau
13.6.1951.
14 Ernst Hoffmann, Zweiter Sekretär der Landesleitung Berlin und Mitglied des ZK
der SED während der Diskussion der 5. Tagung des ZK der SED. In: Hans Lauter, Der
Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, Berlin (1951), S. 88f.
15 Dokumente dazu in den Archiven der KunsthochschuleWeißensee, der
Bauakademie und des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt
Liste der Arbeiten aus der DDR-Zeit
Bauten, Projekte, Entwürfe
1948 - 1950
Rekonstruktion und Wiederaufbau der Gebäude und Ateliers der Hochschule
für Werkkunst und der Akademie für bildende Künste Dresden
»Die Aufbauarbeit konnte er in seiner Eigenschaft als Architekt besser bewältigen
als irgend ein anderer, wenn sie auch unter den Anfangsschwächen unseres
demokratischen Neuaufbaus zustandekam. Die Hochschule hätte heute diese
Räumlichkeiten, die unter seiner Anleitung zustandekamen, nicht.«
(Fritz Dähn, Nachfolger von Stam als Rektor der Hochschule für bildende
Kunst Dresden, 17.5.1951)
1949
Kulturpark und Kulturhaus für das Benzinwerk Böhlen
unrealisiertes Projekt für Park, Stadion, Festhaus
»Der Glaskasten auf Stelzen«, die Idee der »drive-in-Kultur für Arbeiter« (Ernst
Fechter) wurde trotz seines transmodernen Klassizismus zu dem Musterbeispiel für
den ´Formalismus´ in der Architektur.
1950
Neubau der Hochschule für angewandte Kunst Berlin am Reichstagsufer, Ecke
Dorotheenstraße - Neue Wilhelmstraße; unrealisiertes Projekt, mit Studenten der
Hochschule für angewandte Kunst in Weißensee, geplante Bauleitung: Selman
Selmanagic;
zweiflügelige Anlage mit Aula hofseitigem Werkstättentrakt und
Gartengelände an der Spree, Internat im anliegenden Altbau;
Städtebau
(1948)
Entwürfe für den Wiederaufbau des Dresdener Stadtzentrums
1950
Wettbewerbsentwurf für das Ernst-Thälmann-Denkmal an der
Wilhelmstraße, Berlin
(bildnerische Gestaltung Horst Strempel, Raumkonzept Mart Stam)
Innenraumgestaltung, Möbel
1948
Direktorenzimmer und Sekretariat in der Hochschule für bildende Kunst
Dresden
1949/50
Amtszimmer des Präsidenten der Akademie für Pädagogische
Wissenschaften, Berlin, Otto-Grotewohl-Str. 11
1949
Ausstellungsgestaltung der II. Deutschen Kunstausstellung, Dresden, September bis
Oktober 1949
1949/50
Messestände Leipzig für Firma Westglas und Ostglas
1952
Möbelentwürfe für den »Wettbewerb der Deutschen Bauakademie zur
Erlangung von Entwürfen für Serienmöbel«
»Diese Möbel eignen sich für Westberliner, aber nicht für unsere
Werktätigen.«
Walter Ulbricht
Designobjekte
Wandleuchte, Keramik
Keramische Werkstätten Velten
Teekanne (?)
Kinderstuhl, Holz
Stuhl, Weißensee
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