form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks







Editorial

 

Alles geht zu Ende. Es wird über den Tod geredet, geschrieben, studiert, die Körper werden zerhackt, zerlegt, abgetragen und Schicht für Schicht ins digitale Archiv gescannt. Die Arbeit geht zu Ende, der Sozialstaat stirbt, nach dem Ende der Moderne nun die süße Verwesung der PostModerne. Die Arten sterben aus. Die Wahrnehmungen, erst immaterialisiert und beschleunigt, kreisen nun um das Schreckliche, Häßliche und Eklige, die Bildschirme bieten einen nur fragilen Schutz vor den Weichteilen und Kadavern, die in der Inwendigkeit der Apparate uns imponieren.

Ettore Sottsass resümierte unlängst in Münster, man könne heute kein Design mehr machen. Design, das hieße, schönere Kanonen bauen. Nun hält man den Meister für lebensmüde, verabschieden wolle er sich vom Design, titelt die Bunte unter den Design-Boulevard-Zeitschriften. Was die meinen, ist, man könne den Vergleich des Design mit dem Militärisch-Industriellen Komplex damit verschwinden machen, daß einem Involvierten dieser Aufrüstung Genervtheit zugeschrieben wird.

Auch an uns geht der Tod nicht vorbei. Auch wir, die Redaktion, sind vom Aussterben bedroht. Die Gefahren für Textarbeiter lauern überall. Nicht bloß der Kampf ums schreibende Dasein inmitten stickiger Atmosphären hat harte Auslesekriterien, auch in der Zusammenarbeit von Graphic-Designer und Autor endet der Graphic-Designer oft mit Blut an den Händen – so eine der jüngsten Parolen von Emigre, jener Graphic-Design-Zeitschrift von der Westküste, der wir uns über den halben Erdball hinweg verbunden fühlen. Im Überlebenskampf der Printmedien erweist sich die Form als das siegreiche Prinzip. Man könne – so allen Ernstes David Carson auf der Pressekonferenz von Fuse – dem schleichenden Analphabetismus unter Amerikas Jugend (und den Abonnement-Kündigungen der großen Tageszeitungen) dadurch begegnen, daß die Schriften schwerer lesbar werden: der Lustgewinn beim Entziffern der Buchstaben sei ein gewichtiger Faktor bei der Textkonsumtion. Was ist hier los, wenn Analphabetismus mit Bilderflut bekämpft werden soll, wenn Worte nur das Material noch bilden, an dem der Designer auch Künstler sein will, das heißt, wenn er seine Verklemmungen in Geltungsdrang umsetzt?

Natürlich hat die Leichenfledderei an Mensch und Tier, an den Dingen und bedeutsamen Zeichen, hat die Lust am Vergehen, die da herbeigeredet wird, das Ziel, eine Situation der Hinnahme, Eingewöhnung, Abfindung aufzurichten. Die Bilder vom Vergehen spiegeln das Vergehen als etwas Positives. Sie stiften Identität und auch die Etiketten dafür werden herbeigeschafft: Dekonstruktion, Grufties, Design.

Wir glauben nicht, daß die Autoren tot sind, bloß weil ihr Dasein sich nicht rechnet. Dennoch steckt im Vergehen der Autorenschaft nicht nur ein ökonomischer oder modischer Prozeß: der vergehende Autor ist – ganz unberührt von äußeren Einflüssen auch eine Figur der Selbstrücknahme, Abbau am Aberglauben an die Heiligkeit der Schrift wie an die Wahrhaftigkeit des gedruckten Wortes. Nur der Autor vermag das Fatum aufzulösen, daß immer der Recht hat, der spricht, also Autor ist. Vom Leser kann man dieses nicht verlangen.

Jörg Petruschat