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| | form+zweck 13 Fünf Ebenen eines Augenblicks:
Organisation
Utopien ist generell der Vorwurf zu machen, daß sie Märchen der Hoffnungen
sind, verwendete Sehnsüchte. Ganz unabhängig davon sind Utopien aber
immer kritisiert worden damit, daß man ihnen vorwarf, ihre Planung sei so genau, die
Auspinselung der Einzelheiten so akribisch, daß sie gar nicht Wirklichkeit werden
könnten. Die vorausgedachte Organisation und Planung verwandle die Utopien in
Uhrwerke, ja, Maschinen, die im Materiale der Psychologie die alte Vorstellung vom
Schlaraffenland produzierten. Diesen Organisationsvorstellungen vor allem sei der
Despotismus, ja der schleichende Totalitarismus der Utopien geschuldet. In diesen
Abweisungen ist nicht begriffen, daß Utopien eben Aufführungen der Hoffnungen,
Theater der Hoffnungen sind. Theater, die, wollen sie etwas vorzeigen, Kulissen brauchen,
Rollenbücher, Regie und Dramaturgie. Wie die Kunst antizipieren die Utopien mit
ihrem Aufführen etwas, das in der Wirklichkeit liegt. Charles Fourier organisiert seine
Vorstellungen von Zukunft in Phalansteres, in Assoziationen, die auf der Verknüpfung
menschlicher Sinne und Leidenschaften aufruhen.
Fourier nennt das Glück die Bestimmung des Menschen und er knüpft daran
die Vorstellung, daß es dem Menschen eingegeben sei, in der Ausbildung aller
Leidenschaften zugleich seine produktiven Kräfte zu entfalten. Wie wenig die
Organisation hierzu despotisch ist, zeigt sich am besten in jenem Bereich, der dem
Despotismus naturgemäß am nächsten steht, der Erziehung der Kinder.
Fourier unterscheidet Kinder nach zwei Seiten: nach der Neigung zur Unsauberkeit und der
Neigung zum Putz. Zwei Drittel der Knaben und ein Drittel der Mädchen seien unter die
erste Abteilung zu rechnen, diese nennt Fourier die ›kleinen Horden‹.
Umgekehrt seien zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Jungen für den
Putz und für die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt Fourier die ›kleinen
Banden‹.
Die kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die kleinen
Banden streben zum Guten auf dem Weg des Schönen.
» Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit
Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit, für
welche sich sonst kaum jemand findet. Sie sind überall, wo der Einheitlichkeit der
Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie stehen stets in der Bresche.
Die
kleinen Horden teilen sich in drei Klassen; die erste beseitigt den Unrat, reinigt
Straßen und Rinnen, schafft die Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die
zweite vollzieht die gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt Reptilien und die kleinen
Raubtiere, sie muß stets am Platze sein, wo große Gewandtheit erfordert wird:
Klettern, Springen. Die dritte Klasse bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo
sie gebraucht wird. Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und
die Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten die Straßen und Wege in
Ordnung und legen großen Wert darauf, von Fremden für ihre Ordnungsliebe
belohnt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu sein, reiten sie auf
Zwergpferden. Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter
Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien materiell doch am niedrigsten
gelohnt; sie nehmen aber auch keine Geschenke an, selbst wenn es in der Assoziation
für anständig gelte, ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus
Hingabe für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und
notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingabe tragen sie den Titel
›Verbindung für Verbesserungen‹.
Handelt es sich um
besonders schwierige und rasch zu erledigende Arbeiten zum Beispiel daß ein
Gewitter Straßen und Wege verletzt, Bäume und Sträucher schwer
beschädigte, oder daß eine Überschwemmung eingetreten ist , so
versammeln sich die kleinen Horden von vier oder fünf Nachbarphalangen zu
gemeinsamer Handlung; sie treffen morgens gegen fünf Uhr zusammen, und
nachdem sie einer religiösen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung
unter einem wahren Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen
Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln, die Hunde
heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie,
noch erregt von ihren Taten, zurück und machen Toilette. Darauf gibt es
gemeinsames Frühstück. Nach demselben erhält jede der kleinen
Horden zur Belohnung einen Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie
zu Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalangen zurück.
Man wird nicht vom ersten Tage an die kleinen Horden an die
widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt zunächst ihren Stolz nach Rang.
Jede Autorität, sogar der Monarch, schuldet ihnen den ersten Gruß; keine
industrielle Armee rückt aus, ohne daß die kleinen Horden an der Spitze
marschieren; sie haben das Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind große
Arbeiten, welche die Phalangen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, große
Kanalbauten usw.) die erste Hand ans Werk zu legen; sie sind Überall und Nirgends,
ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes geschieht.
Die Tätigkeit und
Erregung der kleinen Horden wird sich verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur
ihnen vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der darin
liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen Geschlechts zur Unsauberkeit, zum
Ungehorsam, zur Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz
und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt werden.
Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich auszeichnen, um so mehr
muß die rivalisierende Korporation müssen die kleinen Banden
Eigenschaften annehmen, welche, den Wünschen der öffentlichen Meinung
entsprechend, das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der
sozialen Anmut; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener der kleinen Horden,
Stütze der sozialen Übereinstimmung zu sein. Aber die Sorge für den
Schmuck und das Ganze des Luxus in der Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger
wertvoll. In dieser Art Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und
unentbehrlich; sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle
Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen
auszuführen. In der Wahl der Kleider ist niemand in der Harmonie an Vorschriften
gebunden, aber sobald es sich um korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe,
jede Serie ihre Kostüme und trifft ihre Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle
zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen Banden durch
Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der männliche Teil der kleinen
Banden wird hauptsächlich die jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister,
wie Pascal, die frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen
Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Üppigkeit neigen. Weniger tätig als
die kleinen Horden erheben sie sich auch später und erscheinen erst um 4 Uhr
morgens in den Ateliers: Während sich die kleinen Horden mit der Pflege der
großen Haustiere beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben,
Hühner, Vögel, Biber usw.; sie überwachen ferner die Blumen- und
Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer sich
dergleichen zuschulden kommen läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt
und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die schlechte und
fehlerhaften Aussprache.
Das Kind soll zwei aktive Sinne üben:
Geschmack und Geruch, und zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und
Gehör, und diese durch die Oper; den Tastsinn endlich durch die Arbeiten, in denen
es sich auszeichnet.
Die Magien und Feerien der Oper ziehen das Kind
mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx die Intelligenz und
Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen,
für welche es sich durch die Tischunterhaltungen interessierte; es werden Pflanzen
und Tiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt.
Die Küche wird das Band für diese Funktionen.
Die Oper ist die
Vereinigung für die materielle Übereinstimmung, sie dient allen Altern und
Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. Der Gesang oder das Maß der
menschlichen Stimme; 2. Instrumente oder das Maß der künstlichen Töne;
3. Poesie oder Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen oder
Harmonie der Gesten; 5. Tanz oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik oder
harmonische Übungen; 7. Malerei und harmonische Kostüme. Das ganze
beruht also auf einem regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer
Ausführung. «
Fraktal Charles Fourier
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