form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Bestandteil

 

»Am 13. November 1919 kündigt die ›Berliner Morgenpost‹ ein Preisausschreiben an. Das Konzept ist offensichtlich in Zusammenarbeit mit der Berliner Kriminalpolizei entwickelt worden. Alarmiert durch die hohe Zahl unaufgeklärter Verbrechen (›In jeder Woche wird in Berlin mindestens ein Mord verübt‹), sollen die Straßenpassanten aus ihrer ›Gleichgültigkeit‹ gerissen werden und ihre Aufmerksamkeit auf die Identifikation der Gesuchten gerichtet werden: ›Ein Redaktionsmitglied wird heute, Donnerstag, den 13. November 1919, in der Zeit von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends in den Straßen Groß-Berlins spazierengehen und fahren. Damit man ihn überall vor Augen hat, brachten wir seit gestern seine Photographie an allen Litfaßsäulen Berlins. Wer unser Redaktionsmitglied als erster erkennt und mit dem Kennwort ›Augen auf!‹ anspricht und verhaftet, hat 2000 Mark gewonnen.‹

Am 14. November meldet die Redaktion der Morgenpost, daß der Gesuchte nicht identifiziert wurde. Egon Jakobssohn, der Redakteur, dessen Fahndungsphotos an der Litfaßsäule prangten, berichtet am 16. November von seiner Odyssee. Gegen 9 Uhr gibt er im Postamt Schöneberg I in der Hauptstraße einen Rohrpostbrief auf. Um 10 Uhr meldet er auf einer Ullstein-Filiale an der Potsdamer Brücke einen Diebstahl. Um 10.30 Uhr läßt er sich im Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz photographieren. Er spaziert gegen Mittag ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz und gibt eine Mitteilung im Vorzimmer der Kriminalpolizei ab, kauft sich am Nachmittag im Warenhaus Jandorf in der Großen Frankfurter Straße ein Gurke, fährt mit der Untergrundbahn und der Straßenbahn nach Moabit, läßt sich im Friseurladen in der Paulstraße rasieren.

Eine Woche später wird das Experiment wiederholt. Wieder sind der von Kriminalkommissar Vonberg verfaßte Steckbrief und seine Photographie in allen Ullstein-Filialen und an den Litfaßsäulen Großberlins zu sehen. Zur Erleichterung der Fahndung ist diesmal aber angegeben, zu welchem Zeitpunkt sich der Gesuchte in welchen Bezirken aufhalten wird. ›Der Gesuchte ist 1,72 Meter groß, schlank, Mitte 20, hat bartloses frisches Gesicht, lange Nase, etwas abstehende Ohren und dunkles Haar. Er trägt vermutlich dunklen Ulster und steifen schwarzen oder auch weichen Hut.‹ Das Signalement eines Städtebewohners!

Diesmal wird dem Redakteur um 10.50 Uhr das Kennwort entgegengerufen. Es ist der dreizehnjährige Gemeindeschüler Willi Czerwinski aus der Boeckstraße 2, dessen Geistesgegenwart den Gesuchten identifiziert. Ein ›Heller Junge‹. Sohn einer armen Witwe. Eine, will mir scheinen, noch in ihrer Sentimentalität aufschlußreiche Pointe.«

Fraktal Helmut Lethen