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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Gefolgschaft
»Mit den Tillergirls hat es begonnen. Diese Produkte der amerikanischen
Zerstreuungsfabriken sind keine einzelnen Mädchen mehr, sondern
unauflösliche Mädchenkomplexe, deren Bewegungen mathematische
Demonstrationen sind. Während sie sich in den Revuen zu Figuren verdichten,
ereignen sich auf australischem und indischem Boden, von Amerika zu schweigen, in
immer demselben dichtgefüllten Stadion Darbietungen von gleicher geometrischer
Genauigkeit. Die Ornamente bestehen aus Tausenden von Körpern, Körpern in
Badehosen ohne Geschlecht. Träger der Ornamente ist die Masse. Sie werden aus
Elementen zusammengestellt, die nur Bausteine sind und nichts außerdem. Zur
Errichtung des Bauwerkes kommt es auf das Format der Steine und ihre Anzahl an. Es ist
die Masse, die eingesetzt wird. Als Massenglieder allein, nicht als Individuen, die von innen
her geformt zu sein glauben, sind die Menschen Bruchteile einer Figur.«
Eine Zusammenfügung von Bausteinen zu Massen findet sich auch beim
Militär oder beim Ballett.
»Das Ballett ergab Ornamente, die immer noch die plastische Gestaltung des
erotischen Lebens waren. Und eine Kompanie ob es gefällt oder nicht
ist eine sittliche Einheit. Dagegen trainieren die Girleinheiten, um eine Unzahl paralleler
Striche zu erzeugen, und die Ertüchtigung breitester Menschenmassen wäre zur
Gewinnung eines Musters von ungeahnten Dimensionen erwünscht. Am Ende steht
das Ornament, zu dessen Verschlossenheit die substanzhaltigen Gefüge sich
entleeren. Das Ornament wird von den Massen, die es zustandebringen, nicht mitgedacht,
keine Linie dringt aus den Masseteilchen auf die ganze Figur. Je mehr ihr Zusammenhang
zu einem bloß linearen sich entäußert.
Niemand erblickte sie,
säße nicht die Zuschauermenge vor dem Ornament, die sich ästhetisch zu
ihm verhält und niemanden vertritt.«
Ein solches Ornament aus Menschen, das der Kontrolle und Beobachtung derjenigen
entzogen ist, die es herstellen, ist ein abstraktes Ornament. Es ist eine Übertragung
von Geraden und Kreisen, wie wir sie aus den Lehrbüchern der euklidischen
Geometrie kennen, ins menschliche Bewegungsmaterial.
»Die Tillergirls lassen sich nachträglich nicht mehr zu Menschen
zusammensetzen
. Arme, Schenkel und andere Teilstrecken sind die
Bestandstücke der Komposition. Die Struktur des Massenornaments spiegelt die der
gegenwärtigen Gesamtsituation wider. Da das Prinzip des kapitalistischen
Produktionsprozesses nicht rein der Natur entstammt, muß es die natürlichen
Organismen sprengen, die ihm Mittel oder Widerstände sind. Der Mensch als
Massenteilchen allein kann reibungslos an Tabellen emporklettern und Maschinen
bedienen. Das gegen Gestaltunterschiede indifferente System führt von sich aus zur
Verwischung der nationalen Eigenarten und zur Fabrikation von Arbeitermassen, die sich an
allen Punkten der Erde gleichmäßig einsetzen lassen. Der kapitalistische
Produktionsprozeß ist sich Selbstzweck wie das Massenornament. Im
tatsächlichen Vollzug erledigt jeder seinen Griff am rollenden Band, übt eine
Teilfunktion aus, ohne das Ganze zu kennen. Gleich dem Stadionmuster steht die
Organisation über den Massen, eine monströse Figur, die von ihrem Urheber
den Augen ihrer Träger entzogen wird und kaum ihn selbst zum Betrachter hat. Den
Beinen der Tillergirls entsprechen die Hände in der Fabrik. Das Massenornament ist
der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten
Rationalität.«
Der Genuß, den die Zuschauer beim Zuschauen haben, basiert auf ihrer
Zugehörigkeit zu derselben sozialen Klasse. Er basiert darauf, daß sie dieselbe
Rationalität vor sich sehen, die auch sie fabriziert. In dieser Übereinstimmung in
der abstrakten Beziehung zum Körper, zum Subjektiven, beruht das ästhetische
Verhältnis.
»Die Gebildeten haben den Einzug der Tillergirls und der Stadionbilder übel
vermerkt. Was die Menge unterhält, richten sie als Zerstreuung der Menge. Entgegen
ihrer Meinung ist das ästhetische Wohlgefallen an den ornamentalen
Massenbewegungen legitim. Sie in der Tat gehören zu den vereinzelten Gestaltungen
der Zeit, die einem vorgegebenen Material die Form verleihen. Wenn große
Wirklichkeitsgehalte aus der Sichtbarkeit unserer Welt abgezogen sind, so muß die
Kunst mit den übrig gebliebenen Beständen wirtschaften, denn eine
ästhetische Darstellung ist umso realer, je weniger sie der Realität
außerhalb der ästhetischen Sphäre enträt. Wie gering immer der
Wert des Massenornaments angesetzt werde, es steht seinem Realitätsgrad nach
über den künstlerischen Produktionen, die abgelegte höhere
Gefühle in vergangenen Formen nachzüchten; mag es auch nichts weiter
bedeuten.
Nicht in dem Zirkel des natürlichen Lebens bewegt sich die Vernunft. Ihr geht es um
die Einsetzung der Wahrheit in der Welt. Vorgeträumt ist ihr Reich in den echten
Märchen, die keine Wundergeschichten sind, sondern die wunderbare Ankunft der
Gerechtigkeit meinen. Es hat seinen tiefen historischen Sinn, daß Tausendundeine
Nacht den Weg gerade in das Frankreich der Aufklärung fand, daß die Vernunft
des 18. Jahrhunderts die Vernunft der Märchen als ihresgleichen erkannte. Seiner
zum Teil aus der Märchenvernunft stammenden Rationalität, wenn auch ihr nicht
allein, sind die bürgerlichen Revolutionen der letzten hundertfünfzig Jahre zu
danken, die mit den naturalen Gewalten der in die Welt verstrickten Kirche, der Monarchie
und des Feudalwesens abgerechnet haben. Die unaufhaltsame Zersetzung dieser und
anderer mythologischer Bindungen ist das Glück der Vernunft, da sich nur an den
Zerfallstätten der natürlichen Einheiten das Märchen
verwirklicht.«
Hat die Zersetzung der alten Mythologien im Namen der Rationalität nicht zu neuen
Illusionen und Einbildungen geführt? Hat der ökonomische Verstand die
Vernunft nicht eher getrübt?
»Das gegenwärtige Denken steht vor der Frage, ob es der Vernunft sich
erschließen oder ungeöffnet gegen sie weitertreiben solle. Es kann die
selbstgesetzte Grenze nicht überschreiten, ohne daß das Wirtschaftssystem
wesentlich gewandelt wird, das ein Unterbau ist; dessen Fortbestand zieht den seinen nach
sich. Die ungebrochene Entwicklung des kapitalistischen Systems bedingt also das
ungebrochene Wachstum des abstrakten Denkens oder nötigt das Denken, in falsche
Konkretheit zu versinken. Je mehr sich aber die Abstraktion verfestigt, um so
unbewältigter durch die Vernunft bleibt der Mensch zurück. Er wird der Gewalt
der Naturmächte von neuem untertan, wenn sein auf halber Strecke ins Abstrakte
abbiegende Denken dem Durchbruch der echten Erkenntnisgehalte sich verweigert. Statt
jene Gewalten zu unterdrücken, ruft das verfahrene Denken ihren Aufstand selber
hervor, indem es über die Vernunft hinweggleitet, die allein sich mit ihnen
auseinandersetzen und sie beugen könnte. Nur eine Folge der ungehemmten
Machterweiterung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist, daß die dunkle Natur
drohender stets aufbegehrt und die Ankunft des Menschen verhindert, der aus der Vernunft
ist.«
Liegt ein Gewinn darin, daß das Ornament der Masse das Natürliche
reduziert?
»Wird das Massenornament von der Seite der Vernunft her erblickt, so offenbart es
sich als mythologischer Kult, der in ein abstraktes Gewand sich hüllt. Gewiß, die
Beine der Tillergirls schwingen parallel, nicht die natürlichen Einheiten der
Körper, und gewiß auch sind die Tausende im Stadion ein einziger Stern; aber
der Stern leuchtet nicht und die Beine der Tillergirls sind die abstrakte Bezeichnung der
Leiber. In dem Massenornament ist Wahrheit nicht durchgedrungen, seine Muster sind
stumm. Die Ratio, die es hervorbringt, ist groß genug, um die Masse aufzurufen und
aus den Figuren das Leben zu streichen. Sie ist zu gering, um in der Masse die Menschen
zu finden und die Figuren durchscheinend gegen Erkenntnisse zu machen. Es ist die jedes
ausdrücklichen Sinnes bare rationale Leerform des Kultes, die im Massenornament
sich darstellt. Damit erweist es sich als ein Rückschlag in die Mythologie, wie er
größer kaum gedacht werden kann als ein Rückschlag, der
seinerseits wieder die Abgesperrtheit der kapitalistischen Ratio gegen die Vernunft
verrät
. Der Prozeß führt durch das Ornament der Masse mitten
hindurch, nicht von ihm aus zurück. Er kann nur vorangehen, wenn das Denken die
Natur einschränkt und den Menschen so herstellt, wie er aus der Vernunft ist. Dann
wird die Gesellschaft sich ändern. Dann auch wird das Ornament der Masse
hinschwinden und das menschliche Leben selber die Züge jenes Ornaments
annehmen, zu dem es in den Märchen angesichts der Wahrheit sich
ausprägt.«
Fraktal Siegfried Kracauer
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