form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Gefolgschaft

»Mit den Tillergirls hat es begonnen. Diese Produkte der amerikanischen Zerstreuungsfabriken sind keine einzelnen Mädchen mehr, sondern unauflösliche Mädchenkomplexe, deren Bewegungen mathematische Demonstrationen sind. Während sie sich in den Revuen zu Figuren verdichten, ereignen sich auf australischem und indischem Boden, von Amerika zu schweigen, in immer demselben dichtgefüllten Stadion Darbietungen von gleicher geometrischer Genauigkeit. Die Ornamente bestehen aus Tausenden von Körpern, Körpern in Badehosen ohne Geschlecht. Träger der Ornamente ist die Masse. Sie werden aus Elementen zusammengestellt, die nur Bausteine sind und nichts außerdem. Zur Errichtung des Bauwerkes kommt es auf das Format der Steine und ihre Anzahl an. Es ist die Masse, die eingesetzt wird. Als Massenglieder allein, nicht als Individuen, die von innen her geformt zu sein glauben, sind die Menschen Bruchteile einer Figur.«

Eine Zusammenfügung von Bausteinen zu Massen findet sich auch beim Militär oder beim Ballett.

»Das Ballett ergab Ornamente, die immer noch die plastische Gestaltung des erotischen Lebens waren. Und eine Kompanie — ob es gefällt oder nicht — ist eine sittliche Einheit. Dagegen trainieren die Girleinheiten, um eine Unzahl paralleler Striche zu erzeugen, und die Ertüchtigung breitester Menschenmassen wäre zur Gewinnung eines Musters von ungeahnten Dimensionen erwünscht. Am Ende steht das Ornament, zu dessen Verschlossenheit die substanzhaltigen Gefüge sich entleeren. Das Ornament wird von den Massen, die es zustandebringen, nicht mitgedacht, keine Linie dringt aus den Masseteilchen auf die ganze Figur. Je mehr ihr Zusammenhang zu einem bloß linearen sich entäußert. … Niemand erblickte sie, säße nicht die Zuschauermenge vor dem Ornament, die sich ästhetisch zu ihm verhält und niemanden vertritt.«

Ein solches Ornament aus Menschen, das der Kontrolle und Beobachtung derjenigen entzogen ist, die es herstellen, ist ein abstraktes Ornament. Es ist eine Übertragung von Geraden und Kreisen, wie wir sie aus den Lehrbüchern der euklidischen Geometrie kennen, ins menschliche Bewegungsmaterial.

»Die Tillergirls lassen sich nachträglich nicht mehr zu Menschen zusammensetzen … . Arme, Schenkel und andere Teilstrecken sind die Bestandstücke der Komposition. Die Struktur des Massenornaments spiegelt die der gegenwärtigen Gesamtsituation wider. Da das Prinzip des kapitalistischen Produktionsprozesses nicht rein der Natur entstammt, muß es die natürlichen Organismen sprengen, die ihm Mittel oder Widerstände sind. Der Mensch als Massenteilchen allein kann reibungslos an Tabellen emporklettern und Maschinen bedienen. Das gegen Gestaltunterschiede indifferente System führt von sich aus zur Verwischung der nationalen Eigenarten und zur Fabrikation von Arbeitermassen, die sich an allen Punkten der Erde gleichmäßig einsetzen lassen. Der kapitalistische Produktionsprozeß ist sich Selbstzweck wie das Massenornament. Im tatsächlichen Vollzug erledigt jeder seinen Griff am rollenden Band, übt eine Teilfunktion aus, ohne das Ganze zu kennen. Gleich dem Stadionmuster steht die Organisation über den Massen, eine monströse Figur, die von ihrem Urheber den Augen ihrer Träger entzogen wird und kaum ihn selbst zum Betrachter hat. Den Beinen der Tillergirls entsprechen die Hände in der Fabrik. Das Massenornament ist der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität.«

Der Genuß, den die Zuschauer beim Zuschauen haben, basiert auf ihrer Zugehörigkeit zu derselben sozialen Klasse. Er basiert darauf, daß sie dieselbe Rationalität vor sich sehen, die auch sie fabriziert. In dieser Übereinstimmung in der abstrakten Beziehung zum Körper, zum Subjektiven, beruht das ästhetische Verhältnis.

»Die Gebildeten haben den Einzug der Tillergirls und der Stadionbilder übel vermerkt. Was die Menge unterhält, richten sie als Zerstreuung der Menge. Entgegen ihrer Meinung ist das ästhetische Wohlgefallen an den ornamentalen Massenbewegungen legitim. Sie in der Tat gehören zu den vereinzelten Gestaltungen der Zeit, die einem vorgegebenen Material die Form verleihen. Wenn große Wirklichkeitsgehalte aus der Sichtbarkeit unserer Welt abgezogen sind, so muß die Kunst mit den übrig gebliebenen Beständen wirtschaften, denn eine ästhetische Darstellung ist umso realer, je weniger sie der Realität außerhalb der ästhetischen Sphäre enträt. Wie gering immer der Wert des Massenornaments angesetzt werde, es steht seinem Realitätsgrad nach über den künstlerischen Produktionen, die abgelegte höhere Gefühle in vergangenen Formen nachzüchten; mag es auch nichts weiter bedeuten.
Nicht in dem Zirkel des natürlichen Lebens bewegt sich die Vernunft. Ihr geht es um die Einsetzung der Wahrheit in der Welt. Vorgeträumt ist ihr Reich in den echten Märchen, die keine Wundergeschichten sind, sondern die wunderbare Ankunft der Gerechtigkeit meinen. Es hat seinen tiefen historischen Sinn, daß Tausendundeine Nacht den Weg gerade in das Frankreich der Aufklärung fand, daß die Vernunft des 18. Jahrhunderts die Vernunft der Märchen als ihresgleichen erkannte. Seiner zum Teil aus der Märchenvernunft stammenden Rationalität, wenn auch ihr nicht allein, sind die bürgerlichen Revolutionen der letzten hundertfünfzig Jahre zu danken, die mit den naturalen Gewalten der in die Welt verstrickten Kirche, der Monarchie und des Feudalwesens abgerechnet haben. Die unaufhaltsame Zersetzung dieser und anderer mythologischer Bindungen ist das Glück der Vernunft, da sich nur an den Zerfallstätten der natürlichen Einheiten das Märchen verwirklicht.«

Hat die Zersetzung der alten Mythologien im Namen der Rationalität nicht zu neuen Illusionen und Einbildungen geführt? Hat der ökonomische Verstand die Vernunft nicht eher getrübt?

»Das gegenwärtige Denken steht vor der Frage, ob es der Vernunft sich erschließen oder ungeöffnet gegen sie weitertreiben solle. Es kann die selbstgesetzte Grenze nicht überschreiten, ohne daß das Wirtschaftssystem wesentlich gewandelt wird, das ein Unterbau ist; dessen Fortbestand zieht den seinen nach sich. Die ungebrochene Entwicklung des kapitalistischen Systems bedingt also das ungebrochene Wachstum des abstrakten Denkens oder nötigt das Denken, in falsche Konkretheit zu versinken. Je mehr sich aber die Abstraktion verfestigt, um so unbewältigter durch die Vernunft bleibt der Mensch zurück. Er wird der Gewalt der Naturmächte von neuem untertan, wenn sein auf halber Strecke ins Abstrakte abbiegende Denken dem Durchbruch der echten Erkenntnisgehalte sich verweigert. Statt jene Gewalten zu unterdrücken, ruft das verfahrene Denken ihren Aufstand selber hervor, indem es über die Vernunft hinweggleitet, die allein sich mit ihnen auseinandersetzen und sie beugen könnte. Nur eine Folge der ungehemmten Machterweiterung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist, daß die dunkle Natur drohender stets aufbegehrt und die Ankunft des Menschen verhindert, der aus der Vernunft ist.«

Liegt ein Gewinn darin, daß das Ornament der Masse das Natürliche reduziert?

»Wird das Massenornament von der Seite der Vernunft her erblickt, so offenbart es sich als mythologischer Kult, der in ein abstraktes Gewand sich hüllt. Gewiß, die Beine der Tillergirls schwingen parallel, nicht die natürlichen Einheiten der Körper, und gewiß auch sind die Tausende im Stadion ein einziger Stern; aber der Stern leuchtet nicht und die Beine der Tillergirls sind die abstrakte Bezeichnung der Leiber. In dem Massenornament ist Wahrheit nicht durchgedrungen, seine Muster sind stumm. Die Ratio, die es hervorbringt, ist groß genug, um die Masse aufzurufen und aus den Figuren das Leben zu streichen. Sie ist zu gering, um in der Masse die Menschen zu finden und die Figuren durchscheinend gegen Erkenntnisse zu machen. Es ist die jedes ausdrücklichen Sinnes bare rationale Leerform des Kultes, die im Massenornament sich darstellt. Damit erweist es sich als ein Rückschlag in die Mythologie, wie er größer kaum gedacht werden kann — als ein Rückschlag, der seinerseits wieder die Abgesperrtheit der kapitalistischen Ratio gegen die Vernunft verrät … . Der Prozeß führt durch das Ornament der Masse mitten hindurch, nicht von ihm aus zurück. Er kann nur vorangehen, wenn das Denken die Natur einschränkt und den Menschen so herstellt, wie er aus der Vernunft ist. Dann wird die Gesellschaft sich ändern. Dann auch wird das Ornament der Masse hinschwinden und das menschliche Leben selber die Züge jenes Ornaments annehmen, zu dem es in den Märchen angesichts der Wahrheit sich ausprägt.«
Fraktal Siegfried Kracauer