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Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

dienen

 

»Das Patronatswesen definiert einen Modus der Menschenführung, der nie die Gestalt einer unpersönlichen und bürokratischen Verwaltung annehmen darf. Im Gegenteil, sie vollzieht sich über den direkten Kontakt zwischen dem patron und seinen Arbeitern. Der patron darf seine Arbeiter nicht als Masse, als statistische Population behandeln. Er muß sie inidviduell und als einzelne kennenlernen, mitsamt ihren Bedürfnissen, Charakteren, Persönlichkeiten, Qualitäten und Fehlern, mitsamt ihrem Privatleben. Umgekehrt müssen die Arbeiter ihren patron kennen, ihm nahestehen und ihn persönlich schätzen. Die Praktiken des Patronats bedürfen der Herstellung jener körperlichen und seelischen Nähe zwischen dem Patron und seinen Arbeitern, die die Bedingung ihres Naheverhältnisses, ihres gegenseitigen Verständnisses und folglich ihrer Übereinstimmung ist. …

Die Praktiken des Patronats verfolgen durchweg die Absicht, das Lohnverhältnis in eine konkrete, individualisierte Beziehung zu verwandeln, eine beinahe physische Beziehung von Mensch zu Mensch, einen direkten Kontakt. Diese Beziehung wird von den Institutionen des Patronatswesens organisiert. Für ihre Gestaltung ergeben sich daraus zwei Konsequenzen: sie sind zunächst Wissensapparate, Observatorien, die dem Patron eine detaillierte Kenntnis des Lebens und der Existenzweise jedes einzelnen Arbeiters ermöglichen; sie müssen so gehandhabt werden, daß sie die Arbeiter individualisieren, voneinander unterscheiden. Ihre Dienstleistungen und ihre Unterstützung gelten nicht dem Arbeiter als Inhaber eines abstrakten Rechts, sondern dem Vater oder dem Familienmitglied, das dieses oder jenes Bedürfnis hat. Würden sie nur durch die Arbeiter verwaltet werden, verlören sie ihre vorteilhafteste Eigenschaft: den direkten Kontakt zwischen dem patron und seinem Personal. Sie setzen beinahe notwendig die alles überragende Stellung des Unternehmers voraus, der als derjenige präsent sein muß, von dem alles ausgeht, der abweichend vom Reglement dem einen oder anderen außerordentliche Unterstützungen und Zuwendungen gewährt und damit allen in Erinnerung ruft, daß er der Herr ist und daß seine wohlwollende Gerechtigkeit keinen abstrakten und administrativen Regeln unterliegt. Umgekehrt wird der patron bestimmte Arbeiter dazu auffordern müssen, sich mit ihm zusammen an der Leitung dieser Institution zu beteiligen. Nicht, weil er ihnen ein Recht zuerkennt, das beispielsweise dem einbehaltenen Lohnanteil entspräche, sondern weil es das eigentliche Ziel der Institution ist, Arbeiter und Unternehmer einander näher zu bringen.

Die Praktiken des Patronatswesens zielen darauf ab, die Ungewißheiten der ersten Begegnung in gegenseitige Wertschätzung, eine notwendige Beziehung in eine freiwillige und wechselseitige Abhängigkeits- und Anhänglichkeitsbeziehung zu verwandeln: der Arbeiter achtet seinen patron, dessen Leistung, Umsicht und Gerechtigkeit er schätzt; der patron achtet das Verhalten seines Arbeiters, den er auszubilden hat und der ihm frohen Herzens dient. Die Praxis des Patronats besteht im großen und ganzen darin, die ökonomischen und juristischen Beziehungen zwischen patron und Arbeiter durch affektive Beziehungen zu ersetzen: durch Anerkennung, Respekt und Zuneigung. E. Cheysson faßte sie in einem Begriff zusammen, der für ihn die gesamte Praxis des Patronats beherrschte: die Liebe. Allen patrons ist gemeinsam, daß sie von ihrer Zuneigung zu ihrem Personal bewegt werden. Darin liegt das große Geheimnis: lieben zu können. Wäre dies nicht der Fall, wäre alles steril, und es gäbe nur seelenlose Mechanismen. ›Was kann ich ihn lehren, er liebt mich nicht.‹, sagte Sokrates melancholisch über einen seinen Schüler, der aus seinen Unterweisungen keinen Nutzen zog. …«

Fraktal François Ewald