form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Herrschaft

 

Gefolgschaft ist nicht nur ein Verband, der sich einem Ziel, einer abstrakten Idee verpflichtet fühlen muß, um Kontingenz zu erzielen, sie ist auch eine Verbindung, die sich definiert über die Wegstrecke, die hinter ihr liegt. Nur so ist die Ideologie haltbar, schon auf dem Wege zu sein, am Besseren schon Teil zu haben (was einschließt, daß der Führer das fortschreitend Unerreichbare ist). Das Ziel, zu dem die Gefolgschaft sich formiert, muß eine Vergangenheit haben, von der sie sich absetzt. Die Bewegung dieser Absetzung findet ihren Sinn und ihr Ziel in der Bewegung dieser Absetzung. Bernstein hat es für die Sozialdemokratie die permanente Revolution genannt. Zygmunt Baumann nennt die ideologische Gefolgschaftsfigur der modernen Gesellschaft, den Mythos, der ihr vorschwebt, den Gartenstaat.

»Die Vorstellung, Humanität sei aus präsozialer Barbarei erwachsen, wirkt moralisch aufbauend und ist als diagnostischer Mythos tief in das Bewußtsein unserer westlichen Kultur eingegraben. Dieser Mythos macht den Reiz und die Popularität mancher einflußreichen soziologischen Theorie und mancher historischer Abhandlung aus, wurde von diesen umgekehrt aber auch wissenschaftlich-intellektuell untermauert; jüngstes Beispiel ist Berühmtheit und überraschender Erfolg des von Elias beschriebenen ›Zivilisationsprozesses‹. Abweichlerische Sozialforscher wie etwa Michael Mann oder Anthony Giddens, die sich aus historisch-vergleichender beziehungsweise analytisch-theoretischer Sicht gründlich mit dem vielschichtigen Zivilisationsprozeß befaßt haben und im Gegensatz dazu die Zunahme militärischer Gewalt und staatlicher Repressalien als entscheidende Attribute einer sich entwickelnden Zivilisation sehen, haben es entsprechend schwer, diesen Mythos aus dem Handbuchwissen der wissenschaftlichen Zunft oder gar dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen. Der Volksglaube ist von jeher nahezu immun gegen die Anfechtung seiner Mythen. Der traditionelle Zivilisationsbegriff wird getragen von einer großen Koalition wissenschaftlich-intellektueller Lehrmeinungen, zu der die liberal-konservative Vorstellung vom glorreichen Ringen zwischen Vernunft und Aberglauben zählt; Max Webers Konzept von der Zweckrationalität, die immer mehr mit immer weniger Aufwand erreicht; das psychoanalytische Versprechen, das Animalische im Menschen zu entlarven, zu packen und zu bändigen; die Marxsche Prophezeiung, Leben und Geschichte würden schließlich, seien die Beschränkungen der Produktivkräfte nur erst abgeworfen, vom Menschen beherrscht; die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, die eine Verdrängung der Gewalt aus dem Alltagsleben annimmt; und nicht zuletzt die zahllosen Fachleute, die versichern, soziale Probleme könnten durch vernünftige Politik behoben werden. Im Kern stützt sich diese Allianz auf eine Vorstellung vom ›Gartenstaat‹, die die regierte Gesellschaft als Feld der Planung, Veredelung und Unkrautvernichtung begreift. ...

Ich gehe noch weiter: gerade die bürokratische Kultur, die Gesellschaft ja als administratives Objekt und Konglomerat von ›Problemen‹ begreift, die einer Lösung harren, schuf die Atmosphäre, in welcher der Gedanke des Holocaust langsam, aber kontinuierlich reifen und zur Vollstreckung gebracht werden konnte. Die Problemstellungen, deren Lösung das ›Social Engineering‹ in Angriff nimmt, entsprechen einer ›Natur‹, die ›beherrscht‹, ›gebändigt‹, und ›gebessert‹ oder ›umgestaltet‹ werden muß wie ein Garten, dessen Planung notfalls gewaltsam durchzusetzen und zu sichern ist (in der Terminologie des Gärtners besteht eine strenge Trennung zwischen ›Kulturpflanzen‹ und ›Unkraut‹, das ausgemerzt werden muß).«

Fraktal Zygmunt Baumann