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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Herrschaft
Gefolgschaft ist nicht nur ein Verband, der sich einem Ziel, einer abstrakten Idee
verpflichtet fühlen muß, um Kontingenz zu erzielen, sie ist auch eine Verbindung,
die sich definiert über die Wegstrecke, die hinter ihr liegt. Nur so ist die Ideologie
haltbar, schon auf dem Wege zu sein, am Besseren schon Teil zu haben (was
einschließt, daß der Führer das fortschreitend Unerreichbare ist). Das Ziel,
zu dem die Gefolgschaft sich formiert, muß eine Vergangenheit haben, von der sie sich
absetzt. Die Bewegung dieser Absetzung findet ihren Sinn und ihr Ziel in der Bewegung
dieser Absetzung. Bernstein hat es für die Sozialdemokratie die permanente
Revolution genannt. Zygmunt Baumann nennt die ideologische Gefolgschaftsfigur der
modernen Gesellschaft, den Mythos, der ihr vorschwebt, den Gartenstaat.
»Die Vorstellung, Humanität sei aus präsozialer Barbarei erwachsen, wirkt
moralisch aufbauend und ist als diagnostischer Mythos tief in das Bewußtsein unserer
westlichen Kultur eingegraben. Dieser Mythos macht den Reiz und die Popularität
mancher einflußreichen soziologischen Theorie und mancher historischer Abhandlung
aus, wurde von diesen umgekehrt aber auch wissenschaftlich-intellektuell untermauert;
jüngstes Beispiel ist Berühmtheit und überraschender Erfolg des von
Elias beschriebenen ›Zivilisationsprozesses‹. Abweichlerische Sozialforscher wie etwa
Michael Mann oder Anthony Giddens, die sich aus historisch-vergleichender
beziehungsweise analytisch-theoretischer Sicht gründlich mit dem vielschichtigen
Zivilisationsprozeß befaßt haben und im Gegensatz dazu die Zunahme
militärischer Gewalt und staatlicher Repressalien als entscheidende Attribute einer
sich entwickelnden Zivilisation sehen, haben es entsprechend schwer, diesen Mythos aus
dem Handbuchwissen der wissenschaftlichen Zunft oder gar dem öffentlichen
Bewußtsein zu verdrängen. Der Volksglaube ist von jeher nahezu immun gegen
die Anfechtung seiner Mythen. Der traditionelle Zivilisationsbegriff wird getragen von einer
großen Koalition wissenschaftlich-intellektueller Lehrmeinungen, zu der die
liberal-konservative Vorstellung vom glorreichen Ringen zwischen Vernunft und
Aberglauben zählt; Max Webers Konzept von der Zweckrationalität, die immer
mehr mit immer weniger Aufwand erreicht; das psychoanalytische Versprechen, das
Animalische im Menschen zu entlarven, zu packen und zu bändigen; die Marxsche
Prophezeiung, Leben und Geschichte würden schließlich, seien die
Beschränkungen der Produktivkräfte nur erst abgeworfen, vom Menschen
beherrscht; die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, die eine Verdrängung der Gewalt
aus dem Alltagsleben annimmt; und nicht zuletzt die zahllosen Fachleute, die versichern,
soziale Probleme könnten durch vernünftige Politik behoben werden. Im Kern
stützt sich diese Allianz auf eine Vorstellung vom ›Gartenstaat‹, die die regierte
Gesellschaft als Feld der Planung, Veredelung und Unkrautvernichtung begreift. ...
Ich gehe noch weiter: gerade die bürokratische Kultur, die Gesellschaft ja als
administratives Objekt und Konglomerat von ›Problemen‹ begreift, die einer Lösung
harren, schuf die Atmosphäre, in welcher der Gedanke des Holocaust langsam, aber
kontinuierlich reifen und zur Vollstreckung gebracht werden konnte. Die Problemstellungen,
deren Lösung das ›Social Engineering‹ in Angriff nimmt, entsprechen einer ›Natur‹,
die ›beherrscht‹, ›gebändigt‹, und ›gebessert‹ oder ›umgestaltet‹ werden
muß wie ein Garten, dessen Planung notfalls gewaltsam durchzusetzen und zu
sichern ist (in der Terminologie des Gärtners besteht eine strenge Trennung
zwischen ›Kulturpflanzen‹ und ›Unkraut‹, das ausgemerzt werden muß).«
Fraktal Zygmunt Baumann
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