| 
| | form+zweck 13 - Fünf Ebenen eines Augenblicks: Generation
»Anfang 1987 rief ich den Autor Jehiel Dinur an, um zu hören, was er von
dem Prozeß hielt, der in Jerusalem damals gerade gegen John Demjanjuk
geführt wurde. Demjanjuk, ein gebürtiger Ukrainer, den die Vereinigten Staaten
an Israel ausgeliefert hatten, war angeklagt, im Vernichtungslager Treblinka 870.000
Menschen, die meisten davon Juden, ermordet zu haben. Dinur hatte 26 Jahre zuvor beim
Prozeß gegen Adolf Eichmann zu den Zeugen der Anklage gehört, und als ich am
Telefon nun die leise, halberstickte Stimme des Autors hörte, mußte ich wieder
daran denken, was er damals über seine schrecklichen Erlebnisse in Auschwitz
ausgesagt hatte. Diese Stimme ‒ die Stimme eines Mannes aus einer anderen Welt
‒ war unverwechselbar, und unauslöschlich hatten sich die wenigen
Sätze eingeprägt, die er damals vor Gericht auszusagen vermochte:
›Ich war da ungefähr zwei Jahre lang. Dort war die Zeit anders als hier auf
der Erde. Jeder Sekundenbruchteil gehörte zu einem anderen Zeitzyklus. Und die
Bewohner jener Welt waren namenlos. Sie hatten weder Eltern noch Kinder. Sie waren
anders gekleidet als wir hier. Sie waren dort nicht geboren, und niemand brachte dort ein
Kind zur Welt. Sogar ihr Atem wurde durch andersartige Naturgesetze geregelt. Sie lebten
und starben nicht nach den Gesetzen dieser Welt. Ihre Namen waren Nummern …
Sie verließen mich, immer mehr verließen mich … im Laufe dieser knapp
zwei Jahre verließen sie mich und ließen mich jedesmal zurück: Ich sehe
sie, sie beobachten mich, ich sehe sie …‹
Er sprach mit Grabesstimme, mit der Eindrücklichkeit eines Propheten, ohne
seine Umgebung weiter wahrzunehmen ›als würde er eine Seite aus seinem
Buch vorlesen‹, wie Chaim Guri in seinem Prozeßbericht schrieb. Von irgend
etwas in Dinurs Stimme und in dem, was er sagte, ging eine bis zur Unerträglichkeit
spannungsgeladene Atmosphäre aus. Staatsanwalt und Richter versuchten, ihn zu
den eigentlichen Fragen des Gerichtsprozesses zurückzuführen. Dinur wurde
ohnmächtig und sank beinahe theatralisch zu Boden. Ganz Israel hielt den Atem an.
Es war einer der dramatischsten Augenblicke in der Geschichte des Landes. Im Radio und
im Fernsehen ist er seither wiederholt zu sehen gewesen.
Zum Zeitpunkt des Prozesses war Dinur 45 Jahre alt. Er hatte einmal Jehiel Feiner
geheißen, war auf dem Bauernhof seines Großvaters in Polen aufgewachsen,
hatte … studiert und sich als Musiker, Schriftsteller und Dichter betätigt.
›Er war noch jung, ein Jeschiwa-Schüler, als er das erste Mal in die Redaktion
kam‹, erinnerte sich der Redakteur einer der vor dem Krieg in Polen erschienenen
jiddischsprachigen Zeitungen. ›Er hielt einen Packen Manuskripte in den
Händen. Irgendwie erregte der junge Mann mit den langen Schläfenlocken und
dem verträumten Blick meine Aufmerksamkeit. Noch am selben Abend sah ich mir
eine seiner Geschichten und eines seiner Gedichte an. Ich war von seinem Können,
seinem Talent begeistert. Meine Zeitung war die erste, die seine Texte
veröffentlichte.‹
Nach Auschwitz unternahm Dinur alles Mögliche, um sein Frühwerk in
Vergessenheit geraten zu lassen und ging dabei so weit, seine Texte persönlich aus
Bibliotheken zu entfernen. Er legte auch seinen ursprünglichen Namen ab. Auschwitz
hatte ihn nicht nur seiner Familie, sondern auch seiner Identität beraubt; nur der
Gefangene war zurückgeblieben.«
Fraktal Tom Segev
| |