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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Plünderung
DER ANGREIFER KENNT DIE VERNICHTUNG — UND DEN FEUERRAUSCH
Zweiter Aufzug,
in welchem gezeigt wird, daß Vergeltung auf Schutzlosigkeit, also auch
Fluchtunmöglichkeit beruht,
in welchem gezeigt wird, wie eine systematische Zerstörung als
Feuerwehreinsatz zur Rettung dargestellt werden kann, der Text des Überfalls also
neu diktiert wird.
Es wird gezeigt, daß moralische Entrüstung fehl geht, wenn der Vorgang mit
völliger Geschäftsmäßigkeit geschieht, und
Vergeltung/Zerstörung/Überfall als Arbeit zur Darstellung und Ausführung
kommt.
Es wird gezeigt werden, daß dabei keiner weiß, was er tut, weil er das
Gewissen durch Gewissenhaftigkeit ersetzt hat …
»Was an diesem Abend wirklich geschah, ist nie ganz geklärt worden. Belgische
und deutsche Historiker waren noch zehn Jahre nach Beendigung des Krieges nicht in der
Lage, zu einer gemeinsamen Sichtung zu gelangen, ja bis in die jüngste Zeit hat das
Gewehrfeuer vom Abend des 25. August ein widersprüchlicheres Echo gehabt als der
Donner mancher großen Schlacht des Ersten Weltkriegs. Wahrscheinlich ist, daß
deutsche Soldaten, von Franctireur-Phantasien und Alkohol benebelt, sich in der
Dämmerung gegenseitig für belgische Freischärler hielten, das Feuer
eröffneten und einander niederstreckten. Diese Lesart war für die deutsche
Führung im August 1914 natürlich unvorstellbar. Hier gab es nur die eine
Erklärung, daß die Bevölkerung von Löwen dem Beispiel der
Einwohner von Tamines, Aerschot und Dinant gefolgt war. Deren Schicksal sollte sie nun
teilen. Noch in derselben Nacht begann die deutsche Vergeltung. Dem ›Strafgericht
über Löwen‹, wie die Aktion offiziell genannt wurde, fielen über 200
Einwohner zum Opfer. Sie wurden ohne standgerichtliches Verfahren erschossen — in
Gruppen, einzeln, vor ihren Häusern oder an besonderen Sammelplätzen wie
dem Bahnhofsvorplatz oder der Place du Peuple. Dann kam die Stadt selber an die Reihe.
Die Straßen, in denen geschossen oder Schüsse vermutet worden waren,
wurden abgeriegelt, die Häuser aufgebrochen, die Bewohner auf die Straße
getrieben. Wer sich im geringsten widersetzte oder verdächtig aufführte, wurde
erschossen. Systematisch wurde Haus für Haus zuerst demoliert und dann in Brand
gesetzt. Als der amerikanische Gesandtschaftssekretär Hugh Gibson am 28. August,
drei Tage nach dem Beginn des Zerstörungswerkes, Löwen besuchte, bot sich
ihm folgender Anblick in der Rue de la Station: ›Die Häuser auf beiden Seiten der
Straße waren entweder bereits abgebrannt oder sie schwelten noch. Soldaten
entfernten systematisch, was sie an Wertsachen, Lebensmitteln und Wein fanden und
steckten die Möbel und Vorhänge in Brand. Das alles machte einen fast
geschäftsmäßigen Eindruck. Da die Häuser aus massivem
Mauerwerk bestehen, breitet sich Feuer von allein nicht aus. Aus diesem Grunde wurde
jedes Haus individuell aufgebrochen, sein Inhalt geplündert und dann Möbel
und Vorhänge im Wohnzimmer zum Anzünden aufgeschichtet. Darauf ging man
zum nächsten Haus über.‹ Ein deutscher Offizier, der das Werk seiner Leute
überwachte, sagte zu Gibson: ›Wir werden aus diesem Ort eine Wüste machen.
Wir werden es ausmerzen, so daß es schwer sein wird festzustellen, wo Löwen
einmal stand. Auch noch nach Generationen werden die Menschen hierherkommen, um zu
sehen, was wir getan haben, und es wird sie lehren, Deutschland zu respektieren und es
sich zweimal zu überlegen, gegen Deutschland die Waffen zu erheben. Nicht ein Stein
auf dem anderen!‹ Das Zerstörungswerk konzentrierte sich auf das historische
Zentrum Löwens. Mit wenigen Ausnahmen gingen die Häuser am Alten Markt
und am Großen Markt zugrunde. Ebenso die anliegenden Straßen: die Rue de
Namur, die Rue de Bruxelles, die Rue de Tirlemont, die Place du Peuple. Verwüstet
wurden die Rue de la Station und ihre Seitenstraßen sowie ein Teil des Anlagenrings,
wo das wohlhabende Löwener Bürgertum seine Häuser und Villen hatte.
Insgesamt sanken von den 9000 Wohnhäusern Löwens 1081 in Schutt und
Asche, ein Neuntel der Stadt. Mit den Privathäusern gingen auch einige der
öffentlichen Gebäude in Flammen auf: Die Peterskirche, das Theater, der
Konzertsaal, die Kunstakademie, das Gerichtsgebäude sowie mehrere
Gebäude der Universität. Das zwischen der Rue de Namur (Namsestraat) und
dem Alten Markt gelegene Gebäude der Bibliothek war in den ersten sechs Tagen der
deutschen Okkupation unberührt geblieben. Am Nachmittag des 25. August bezog
eine Transportabteilung mit Pferden Quartier in der Wandelhalle (Salle des Pas Perdus) im
Erdgeschoß. Nach der späteren Aussage des Hausmeisters Joseph Delmot
waren die Türen zu den über der Wandelhalle gelegenen
Bibliotheksräumen zu diesem Zeitpunkt fest verschlossen. Von der am Abend
ausbrechenden Schießerei war im Bibliotheksgebäude nichts zu hören,
doch gegen 22 Uhr verließ die Transportabteilung in großer Eile und unter
Hinterlassung eines lahmenden Pferdes ihr Quartier. Der Hausmeister verriegelte den
Eingang zur Rue de Namur, überzeugte sich noch einmal davon, daß die
Zugänge zu den Bibliotheksräumen verschlossen waren, löschte die
Lichter aus und begab sich in seine angrenzende Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte das
Strafgericht bereits begonnen. Der Alte Markt und die Rue de Namur blieben noch etwa eine
Stunde lang verschont. Gegen 23 Uhr begann auch hier das Zerstörungswerk. Der
Advocat Clynmans, der eines der Häuser am Alten Markt gegenüber der
Rückseite der Bibliothek bewohnte, wurde mit seiner Familie um 23.30 auf die
Straße getrieben. Er beobachtete, daß um diese Zeit auch die unmittelbar an die
Bibliothek angrenzenden Häuser aufgebrochen und in Brand gesetzt wurden.
Schließlich kam die Bibliothek selber an die Reihe. ›Die Tür, die zum Keller
führte, wurde aufgebrochen und das Feuer gelegt.‹ Was wie systematische
Brandstiftung aussah, war späteren deutschen Erklärungen zufolge nichts
weniger als der Versuch, Schlimmeres zu verhüten. Mittels eines ›Gegenfeuers‹, so
hieß es, habe das bedrohte Rathaus und die Peterskirche gerettet werden sollen. ›Ein
solches Gegenfeuer ist unter den obwaltenden Umständen das einzige und oft mit
Erfolg angewendete Mittel, bei Mangel von Löschgeräten und Wasser
größere Schadenfeuer zum Stillstand zu bringen oder ihnen eine andere
Richtung zu geben. Unglücklicherweise ist nun den mit der Anlage des Feuers
Beschäftigten die Existenz der Universitätsbibliothek, an die kleinere
Gebäude angebaut waren und die keinerlei Maßnahmen zum Schutz vor
Feuersgefahr hatte, unbekannt gewesen und die Bibliothek hierbei in Brand geraten, ohne
daß auch für dieses Gebäude Rettungs- oder Bergungsversuche gemacht
wurden. Die Anzündung des Gegenfeuers ist offenbar von belgischer Seite gesehen
worden, und dadurch ist auf belgischer Seite der Eindruck entstanden, als ob die
Universitätsbibliothek absichtlich von deutscher Seite angezündet worden sei,
und diese belgische Ansicht ist dann sofort in alle Welt verbreitet worden‹. Mehrere Tage
brannte die Bibliothek. Versuche, etwas zu retten, wurden durch die Gluthitze verhindert.
Noch eine Woche später konnte sich der Bibliotheksdirektor Paul Delannoy nur
mühsam einen Eindruck von der Szene machen. Zerborstene Pfeiler und ein Berg von
Steinen, Ziegeln und verkohlten Balken verstellten den Zugang ins Innere, wo in der noch
immer nicht erloschenen Glut Tausende von Büchern schwelten. Die
Außenmauern ragten düster und bedrohlich in den Himmel. Das war alles, was
von dem majestätischen Bau der Halles Universitaires und seinen Schätzen
übrig blieb. In den Straßen der verlassenen Ruinenstadt sah man
plündernde Soldaten, und der Wind trieb die halbverbrannten Blätter der
Bücher und Zeitschriften bis weit ins Land hinaus.«
Fraktal Wolfgang Schivelbusch
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