form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Plünderung

 

DER ANGREIFER KENNT DIE VERNICHTUNG — UND DEN FEUERRAUSCH

Zweiter Aufzug,

in welchem gezeigt wird, daß Vergeltung auf Schutzlosigkeit, also auch Fluchtunmöglichkeit beruht,

in welchem gezeigt wird, wie eine systematische Zerstörung als Feuerwehreinsatz zur Rettung dargestellt werden kann, der Text des Überfalls also neu diktiert wird.

Es wird gezeigt, daß moralische Entrüstung fehl geht, wenn der Vorgang mit völliger Geschäftsmäßigkeit geschieht, und Vergeltung/Zerstörung/Überfall als Arbeit zur Darstellung und Ausführung kommt.

Es wird gezeigt werden, daß dabei keiner weiß, was er tut, weil er das Gewissen durch Gewissenhaftigkeit ersetzt hat …

»Was an diesem Abend wirklich geschah, ist nie ganz geklärt worden. Belgische und deutsche Historiker waren noch zehn Jahre nach Beendigung des Krieges nicht in der Lage, zu einer gemeinsamen Sichtung zu gelangen, ja bis in die jüngste Zeit hat das Gewehrfeuer vom Abend des 25. August ein widersprüchlicheres Echo gehabt als der Donner mancher großen Schlacht des Ersten Weltkriegs. Wahrscheinlich ist, daß deutsche Soldaten, von Franctireur-Phantasien und Alkohol benebelt, sich in der Dämmerung gegenseitig für belgische Freischärler hielten, das Feuer eröffneten und einander niederstreckten. Diese Lesart war für die deutsche Führung im August 1914 natürlich unvorstellbar. Hier gab es nur die eine Erklärung, daß die Bevölkerung von Löwen dem Beispiel der Einwohner von Tamines, Aerschot und Dinant gefolgt war. Deren Schicksal sollte sie nun teilen. Noch in derselben Nacht begann die deutsche Vergeltung. Dem ›Strafgericht über Löwen‹, wie die Aktion offiziell genannt wurde, fielen über 200 Einwohner zum Opfer. Sie wurden ohne standgerichtliches Verfahren erschossen — in Gruppen, einzeln, vor ihren Häusern oder an besonderen Sammelplätzen wie dem Bahnhofsvorplatz oder der Place du Peuple. Dann kam die Stadt selber an die Reihe. Die Straßen, in denen geschossen oder Schüsse vermutet worden waren, wurden abgeriegelt, die Häuser aufgebrochen, die Bewohner auf die Straße getrieben. Wer sich im geringsten widersetzte oder verdächtig aufführte, wurde erschossen. Systematisch wurde Haus für Haus zuerst demoliert und dann in Brand gesetzt. Als der amerikanische Gesandtschaftssekretär Hugh Gibson am 28. August, drei Tage nach dem Beginn des Zerstörungswerkes, Löwen besuchte, bot sich ihm folgender Anblick in der Rue de la Station: ›Die Häuser auf beiden Seiten der Straße waren entweder bereits abgebrannt oder sie schwelten noch. Soldaten entfernten systematisch, was sie an Wertsachen, Lebensmitteln und Wein fanden und steckten die Möbel und Vorhänge in Brand. Das alles machte einen fast geschäftsmäßigen Eindruck. Da die Häuser aus massivem Mauerwerk bestehen, breitet sich Feuer von allein nicht aus. Aus diesem Grunde wurde jedes Haus individuell aufgebrochen, sein Inhalt geplündert und dann Möbel und Vorhänge im Wohnzimmer zum Anzünden aufgeschichtet. Darauf ging man zum nächsten Haus über.‹ Ein deutscher Offizier, der das Werk seiner Leute überwachte, sagte zu Gibson: ›Wir werden aus diesem Ort eine Wüste machen. Wir werden es ausmerzen, so daß es schwer sein wird festzustellen, wo Löwen einmal stand. Auch noch nach Generationen werden die Menschen hierherkommen, um zu sehen, was wir getan haben, und es wird sie lehren, Deutschland zu respektieren und es sich zweimal zu überlegen, gegen Deutschland die Waffen zu erheben. Nicht ein Stein auf dem anderen!‹ Das Zerstörungswerk konzentrierte sich auf das historische Zentrum Löwens. Mit wenigen Ausnahmen gingen die Häuser am Alten Markt und am Großen Markt zugrunde. Ebenso die anliegenden Straßen: die Rue de Namur, die Rue de Bruxelles, die Rue de Tirlemont, die Place du Peuple. Verwüstet wurden die Rue de la Station und ihre Seitenstraßen sowie ein Teil des Anlagenrings, wo das wohlhabende Löwener Bürgertum seine Häuser und Villen hatte. Insgesamt sanken von den 9000 Wohnhäusern Löwens 1081 in Schutt und Asche, ein Neuntel der Stadt. Mit den Privathäusern gingen auch einige der öffentlichen Gebäude in Flammen auf: Die Peterskirche, das Theater, der Konzertsaal, die Kunstakademie, das Gerichtsgebäude sowie mehrere Gebäude der Universität. Das zwischen der Rue de Namur (Namsestraat) und dem Alten Markt gelegene Gebäude der Bibliothek war in den ersten sechs Tagen der deutschen Okkupation unberührt geblieben. Am Nachmittag des 25. August bezog eine Transportabteilung mit Pferden Quartier in der Wandelhalle (Salle des Pas Perdus) im Erdgeschoß. Nach der späteren Aussage des Hausmeisters Joseph Delmot waren die Türen zu den über der Wandelhalle gelegenen Bibliotheksräumen zu diesem Zeitpunkt fest verschlossen. Von der am Abend ausbrechenden Schießerei war im Bibliotheksgebäude nichts zu hören, doch gegen 22 Uhr verließ die Transportabteilung in großer Eile und unter Hinterlassung eines lahmenden Pferdes ihr Quartier. Der Hausmeister verriegelte den Eingang zur Rue de Namur, überzeugte sich noch einmal davon, daß die Zugänge zu den Bibliotheksräumen verschlossen waren, löschte die Lichter aus und begab sich in seine angrenzende Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Strafgericht bereits begonnen. Der Alte Markt und die Rue de Namur blieben noch etwa eine Stunde lang verschont. Gegen 23 Uhr begann auch hier das Zerstörungswerk. Der Advocat Clynmans, der eines der Häuser am Alten Markt gegenüber der Rückseite der Bibliothek bewohnte, wurde mit seiner Familie um 23.30 auf die Straße getrieben. Er beobachtete, daß um diese Zeit auch die unmittelbar an die Bibliothek angrenzenden Häuser aufgebrochen und in Brand gesetzt wurden. Schließlich kam die Bibliothek selber an die Reihe. ›Die Tür, die zum Keller führte, wurde aufgebrochen und das Feuer gelegt.‹ Was wie systematische Brandstiftung aussah, war späteren deutschen Erklärungen zufolge nichts weniger als der Versuch, Schlimmeres zu verhüten. Mittels eines ›Gegenfeuers‹, so hieß es, habe das bedrohte Rathaus und die Peterskirche gerettet werden sollen. ›Ein solches Gegenfeuer ist unter den obwaltenden Umständen das einzige und oft mit Erfolg angewendete Mittel, bei Mangel von Löschgeräten und Wasser größere Schadenfeuer zum Stillstand zu bringen oder ihnen eine andere Richtung zu geben. Unglücklicherweise ist nun den mit der Anlage des Feuers Beschäftigten die Existenz der Universitätsbibliothek, an die kleinere Gebäude angebaut waren und die keinerlei Maßnahmen zum Schutz vor Feuersgefahr hatte, unbekannt gewesen und die Bibliothek hierbei in Brand geraten, ohne daß auch für dieses Gebäude Rettungs- oder Bergungsversuche gemacht wurden. Die Anzündung des Gegenfeuers ist offenbar von belgischer Seite gesehen worden, und dadurch ist auf belgischer Seite der Eindruck entstanden, als ob die Universitätsbibliothek absichtlich von deutscher Seite angezündet worden sei, und diese belgische Ansicht ist dann sofort in alle Welt verbreitet worden‹. Mehrere Tage brannte die Bibliothek. Versuche, etwas zu retten, wurden durch die Gluthitze verhindert. Noch eine Woche später konnte sich der Bibliotheksdirektor Paul Delannoy nur mühsam einen Eindruck von der Szene machen. Zerborstene Pfeiler und ein Berg von Steinen, Ziegeln und verkohlten Balken verstellten den Zugang ins Innere, wo in der noch immer nicht erloschenen Glut Tausende von Büchern schwelten. Die Außenmauern ragten düster und bedrohlich in den Himmel. Das war alles, was von dem majestätischen Bau der Halles Universitaires und seinen Schätzen übrig blieb. In den Straßen der verlassenen Ruinenstadt sah man plündernde Soldaten, und der Wind trieb die halbverbrannten Blätter der Bücher und Zeitschriften bis weit ins Land hinaus.«

Fraktal Wolfgang Schivelbusch