form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




form+zweck 13 - FŸnf Ebenen eines Augenblicks:

Erbe




Der Wandel matriarchaler in patriarchale Gesellschaften, so heißt es, sei ein grundstürzender Umschlag in der Ausrichtung der menschlichen Gemeinwesen. Zum Beispiel ist die Meinung vertreten worden, an diesem Übergang sei die subsistenzwirtschaftliche (weibliche) Reproduktion durch okkupationswirtschaftliche (männliche) Reproduktion abgelöst worden, die Kreisläufigkeit im Wirtschaften sei durch den erobernden Naturzugriff erledigt worden. Darin ist die Vorstellung verlängert, die zyklische Erfahrung der Frau sei durch die Zielstrebigkeit und Linearität männlichen Verhaltens besiegt worden. Es käme nun, da das Patriarchat die Menschheit an den Rande des Untergangs gebracht hat, darauf an, diese Hälfte des menschlichen Erbes zurückzugewinnen. Statt gleich draufloszutradieren, was die Menschheit von Natur aus hat, sollte ein Moment der Reflexion eingesetzt werden, das sich der Zielstrebigkeit der Männer zuwendet: Wo kommt diese Zielstrebigkeit der Männer her? Lag sie schon immer in ihrer Männlichkeit, ist sie ihrer phallischen Existenz geschuldet? Ist es ein anthropologischer Kampf der Geschlechter, der sich bis heute auf die Seite der Männer hin entschieden hat?

Zunächst ist die Vorstellung zu verwerfen, daß matriarchale Kulturen Paradiese der Kreisläufigkeit sind. Immer treten in ihnen Ereignisse auf, die von den zirkulären Erfahrungen abweichen, die mit den Mustern der Wiederholung nicht bewältigt werden können. Sie sind meist vorübergehenden Charakters und ihre Bewältigung hat vorläufige Form. Die Frauen, deren ausgezeichnete Position in den matriarchalen Zusammenhängen auf der Resonanz ihrer Zyklischkeit mit der Zyklischkeit natürlicher Abläufe aufruht, weisen, da sie gebunden sind, derartige Anforderungen den Männern zu. Von ihnen ist nicht Wiederholung, sondern Probe, ist nicht Rhythmus, sondern Zielstrebigkeit, hierbei ist nicht Gewohnheit, sondern Außergewöhnliches verlangt. Die dabei entstehenden ungewohnten Verhaltens- und Verhältniseigenschaften assimilieren in das kulturelle Gefüge der Gemeinschaften, und zwar, da sie wiederholt an Männer gebunden sind, als spezifisch männliche. Das sind neben ungebundener Stärke, Mut, individuellen Entscheidungsfähigkeiten auch selbstbestimmte, nicht kulturell vorgeschriebne, sondern ›freiwillige‹ Unterordnung unter eine vorübergehende Führerschaft, Gehorsam, Opferwille usw. auf Zeit. Diese Verhaltens- und Verhältniseigenschaften sind im Unterschied zu den weiblichen auf Auseinandersetzung mit dem Unerwarteten ausgelegt.
Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn in Zeiten großen Veränderungsdrucks — Wanderungszwang, Produktivitätszwang — jene gemeinschaftlichen Funktionsträger in dominante Positionen gelangen, die auf diese Veränderungszwänge hin die besseren Voraussetzungen bieten. Es ist also nicht das ›Männliche‹, das das ›Weibliche‹ besiegt, sondern das Vermögen, auf das Ungewöhnliche, Außerordentliche zu reagieren. Es ist nicht vom Manne aus entstanden, sondern die Funktionszuteilung innerhalb matriarchaler Gesellschaften bildete es eben bei Männern heraus — sie wurden für die ›Nebensächlichkeiten‹, das kulturell nicht Fixierte, abgestellt und fanden dort den Ort ihrer Eigenart. Trat Unverhofftes ein, wurde auf sie zurückgegriffen — bei Kontakt mit äußeren Feinden, und dann eben auch bei länger andauernden Operationen, wie etwa Wanderungen.
Die Denkfigur ist nun, daß patriarchale Strukturen dann matriarchale ablösen, wenn im Reproduktionsprozeß der Gemeinschaften das Außergewöhnliche über das Gewohnte dominiert, wenn nicht mehr das Gewohnte, sondern das Ungewohnte die Existenz sichert. Solche Situationen sind zumeist Notsituationen, eingetreten als Resultat einer längeren quantitativen Entwicklung: Übervölkerung eines bestimmten Gebietes, dadurch Nahrungs- und Raummangel, Auslaugung der Böden und Sammlungsgebiete u. ä. m.
Es sind also die Funktionspotenzen bestimmter gemeinschaftlicher Glieder, die zur Umstrukturierung der Kultur führten, Funktionspotenzen, die nicht natural-biologisch gegeben, sondern selbst gesellschaftlich erzeugt worden sind. Das Männliche ist ›nur‹ deren Träger.
Für den Gesellschaftszusammenhang wirkt das gesellschaftlich Erworbene selektiv, während das natürlich Aufgegebene schon Dasein hat. Diese Selektion schafft die Unterscheidung und die Fähigkeit, diese Differenz zu behaupten, wird zur Grundlage gesellschaftlicher Macht.
Fraktal Jörg Petruschat