form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Erzeugnis

 

Auf dem Innentitel von Beggars Banquet haben sich die Rolling Stones beim Abendmahl aufzeichnen lassen — Mick Jagger gräbt die Zähne in einen grünen Apfel, aufgespießt auf einer Gabel. Das Grün ist die einzige Farbe in dem ansonsten muscheligen Bild. Mit dem grünen Apfel ist zweifellos das Label der Beatles gemeint. Die Darbietung wertet den Feind auf, nicht bloß, daß der Apfel ja bekanntlich vom Baume der Erkenntnis stammt, seine Darbietung fordert dazu auf, sich die Beatles einzuverleiben. Dennoch ist das Bild keine Hommage an die Beatles. Es ist auch kein bloß kannibalisches Fest, das dazu dient, sich der Stärke des ärgsten Konkurrenten teilhaftig zu machen. Beggars Banquet ist die Übersteigung der Abendmahlsgemeinschaft. Nicht, weil hier der Anstand fehlt und flegelhaftes Verhalten bei Tische vorgeführt ist. Die Abendmahlsgemeinschaft wird überstiegen, weil hier ein Produkt akzentuiert ist, dessen Verzehr Appetit machen soll. Satisfaktionslosigkeit heißt der Mythos um Mick Jagger, aus Frust wird Lust komponiert, um die Sattheit bei Love and Peace zu überwinden. Das hat Semper schon gute hundert Jahre vorher, im Angesicht der ersten Weltausstellung London, gewußt: ›Schon zeigt es sich, daß die Erfindungen nicht mehr, wie früher, Mittel sind zur Abwendung der Not und zum Genusse; vielmehr sind die Not und der Genuß Absatzmittel für die Erfindungen. Die Ordnung der Dinge hat sich umgekehrt. … Die Gegenwart … ist der Chinese, der mit Messer und Gabel essen soll.‹

Das Gebet nach dem täglichen Brot heute ist ausgetauscht durch die Not nach dem täglichen Hunger — damit die Fabrikation, die Arbeitsplätze, die Löhne, die Entwicklungshilfe usw. gesichert werden. Mit der Erzeugung von Verbrauch, abgedeckt durch die Erfindung des Sozialstaates, ist der gemütliche Kannibalismus antiquiert. Der Körper genügt dem Verzehr nicht mehr.

»Das Erzeugnis der Kunst besteht aus Form und Inhalt, sagen die Philosophen. Wir zweifeln an der Zweckmäßigkeit einer solchen Formel. …

Wir haben keine Veranlassung, die Erzeugnisse der Kunst trotz all ihrer Verschiedenartigkeit und ihres spezifischen Charakters aus der Reihe der Dinge herauszugreifen. Die Erzeugnisse der Kunst sind die Instrumente zur Bearbeitung der menschlichen Emotionen. Das Erzeugnis der Kunst ist das Werkzeug für die direkte oder indirekte soziale Handlung. Darum können die Kunsterzeugnisse, gleich allen anderen Dingen, von drei Seiten betrachtet werden, und zwar: 1. von der Seite des Materials, 2. von der Seite der Konstruktion und 3. von derjenigen der Bestimmung (Funktion).«

Fraktal Sergej Tretjakow