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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Erzeugnis
Auf dem Innentitel von Beggars Banquet haben sich die Rolling Stones beim
Abendmahl aufzeichnen lassen — Mick Jagger gräbt die Zähne in einen
grünen Apfel, aufgespießt auf einer Gabel. Das Grün ist die einzige Farbe
in dem ansonsten muscheligen Bild. Mit dem grünen Apfel ist zweifellos das Label
der Beatles gemeint. Die Darbietung wertet den Feind auf, nicht bloß, daß der
Apfel ja bekanntlich vom Baume der Erkenntnis stammt, seine Darbietung fordert dazu auf,
sich die Beatles einzuverleiben. Dennoch ist das Bild keine Hommage an die Beatles. Es
ist auch kein bloß kannibalisches Fest, das dazu dient, sich der Stärke des
ärgsten Konkurrenten teilhaftig zu machen. Beggars Banquet ist die
Übersteigung der Abendmahlsgemeinschaft. Nicht, weil hier der Anstand fehlt und
flegelhaftes Verhalten bei Tische vorgeführt ist. Die Abendmahlsgemeinschaft wird
überstiegen, weil hier ein Produkt akzentuiert ist, dessen Verzehr Appetit machen soll.
Satisfaktionslosigkeit heißt der Mythos um Mick Jagger, aus Frust wird Lust
komponiert, um die Sattheit bei Love and Peace zu überwinden. Das hat Semper
schon gute hundert Jahre vorher, im Angesicht der ersten Weltausstellung London,
gewußt: ›Schon zeigt es sich, daß die Erfindungen nicht mehr, wie früher,
Mittel sind zur Abwendung der Not und zum Genusse; vielmehr sind die Not und der
Genuß Absatzmittel für die Erfindungen. Die Ordnung der Dinge hat sich
umgekehrt. … Die Gegenwart … ist der Chinese, der mit Messer und Gabel essen soll.‹
Das Gebet nach dem täglichen Brot heute ist ausgetauscht durch die Not nach
dem täglichen Hunger — damit die Fabrikation, die Arbeitsplätze, die
Löhne, die Entwicklungshilfe usw. gesichert werden. Mit der Erzeugung von
Verbrauch, abgedeckt durch die Erfindung des Sozialstaates, ist der gemütliche
Kannibalismus antiquiert. Der Körper genügt dem Verzehr nicht mehr.
»Das Erzeugnis der Kunst besteht aus Form und Inhalt, sagen die Philosophen. Wir
zweifeln an der Zweckmäßigkeit einer solchen Formel. …
Wir haben keine Veranlassung, die Erzeugnisse der Kunst trotz all ihrer
Verschiedenartigkeit und ihres spezifischen Charakters aus der Reihe der Dinge
herauszugreifen. Die Erzeugnisse der Kunst sind die Instrumente zur Bearbeitung der
menschlichen Emotionen. Das Erzeugnis der Kunst ist das Werkzeug für die direkte
oder indirekte soziale Handlung. Darum können die Kunsterzeugnisse, gleich allen
anderen Dingen, von drei Seiten betrachtet werden, und zwar: 1. von der Seite des Materials,
2. von der Seite der Konstruktion und 3. von derjenigen der Bestimmung (Funktion).«
Fraktal Sergej Tretjakow
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