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Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Abenteuer

 

»ABENTEUER — ahd. aventiure, abgeleitet aus afrz. aventure, heute in der philosophischen Diskussion ein völlig diskreditierter Begriff. Der erste Beleg findet sich 1040 im Alexiuslied in der Bedeutung von Unglück, Schicksal. Im weiteren ist A. die zentrale Kategorie der Ritterideologie, wie sie bes. von Chrestien de Troyes (um 1150 — vor 1190) — wenn auch mit ironischer Distanzierung — in den Artus-Romanen gestaltet worden ist: Die aventure ist das in unbekannter Zukunft liegende (gefährliche) Ereignis, das aufzusuchen der Ritter aufbricht, um im Bestehen der aventure seine Ritterlichkeit beweisen zu können, was u. a. dazu führt, daß die (Begegnung mit der) aventure selbst als der höchste Wert menschlicher Existenz betrachtet wird. Die von Chrestien entworfene Ritteraventüre-Ideologie (fortgeführt u. a. bei Wolfram von Eschenbach) hat sich mit regionalen Ausprägungen über ganz Mitteleuropa ausgebreitet und eine umfangreiche Literatur hervorgebracht, der auch die Ritterabenteuer-Satire im Don Quijote von Cervantes kein definitives Ende bereiten konnte (man denke an Richard Wagner, aber auch an die verschiedensten Abenteuer-Romanströmungen von Dumas\\\' Trois Mousquetaires bis zu den Trivialadaptionen der Artus-Legende in Hollywood-Filmen). ...

Die Ritter leben (vor allem in den Anfängen dieser sozialen Gruppe) von aventure im Sinne des ungewissen, zufälligen Einkommens, von Beute, und diese für ihren Bestand bedrohliche Tatsache des real eher irrelevanten ungewiss-zufälligen Einkommens münzen ihre Ideologen um in eine aggressiv gegen soziale Konkurrenten, bes. die borjois, die plebejischen Händler und späteren Handelsbürger, gerichtete Ideologie, in der die existentielle Bedrohtheit des … Rittertums zum wahren Menschen verklärt wird. Die Konsequenzen dieser Ideologiebildung sind (noch heute) unabsehbar: Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird systematisch die Preisgabe des Vertrauten, das Kennenlernen des Fremden, die Überschreitung des (kulturellen) Horizontes, das Vordringen ins Unbekannte, die Akzeptierung des Zufällig-Risikohaften, die Konstituierung des sozialen Individuums in diesen Koordinaten zur wesentlichen Tätigkeit des Menschen erhoben. ...

Nicht nur die Existenz der Ritter ist abhängig von aventure, dem ungewissen Gewinn, sondern vor allem auch die der borjois, der Fernhändler und späteren (seßhaften) Handelsbürger, deren aventure den Vorteil hat, nicht nur für das Individuum, sondern für die gesamte Menschheit, speziell für den Fürsten, den König, aber auch für die Kirche profitabel und bald unverzichtbar zu sein: die Dialektik der Dinge und vor allem die Entwicklung der kapitalistischen Produktionskräfte machen, daß die Antiborjois-Ideologie umschlägt in eine borjois-Ideologie, gegründet auf die Einsicht, daß nicht nur die Bewegungsgesetze der Handelsaventüre den Bewegungsgesetzen der Ritteraventüre gleichen, sondern daß die Handelsaventüre an Risikohaftigkeit, an Gefährlichkeit, an Nützlichkeit und individueller Selbstverwirklichung die … Ritteraventüre bei weitem übertrifft. ...

Als Machtapparat zunehmend angewiesen auf Kapital und damit auf den Händler und auf die Förderung des Handels, enthebt sich die Kirche der ideologischen Rechtfertigung, warum sie — statt ihn aus dem Tempel zu vertreiben — den Händler durch die Sanktionierung des Handels und speziell des Geldhandels fördert, indem sie den Profit (bes. auch aus Geldgeschäften) mit dem vom Händler eingegangenen Risiko rechtfertigt, wobei der Aventürehandel (Transport von Waren an einen Markt, Verkauf der Waren, Einkauf neuer Waren und Weiter- bzw. Rücktransport, etc.) eine entscheidende Rolle spielte. Die Kaufleute reagieren u. a. damit, daß sie mit aventure, adventure, obentüer, entweder die Ware selbst, das Risiko oder den Profit bezeichnen. Die Woll- und Tuchhandel treibenden Kaufmannsgilden in England legen sich (belegt seit dem Beginn des 15. Jh.) den Namen merchant adventurers zu und sind — aufs genaueste Absatzaussichten und Marktanteile berechnend, das Konkurrenzprinzip anti-monopolartig, wenn auch langfristig vergeblich, limitierend, Versicherungen abschließend, internationale Filialen errichtend, Profit und Risiko kalkulierend — wesentlich (als spätere East-India-Company z. B.) an der Herausbildung des Common Wealth beteiligt. In dem Maße jedoch, in dem sie sich gesellschaftlich durchsetzen und mit der Ritterschaft der Gegner wegfällt, dem gegenüber sie sich in Mimikry ›ritterabenteuerlich‹ durchsetzen mußten, verzichten die merchant adventurers auf die Betonung des Risikobereiches (von dem her auf Unsolidität, Herrschaftsgefährdung bzw. Gefährdung kollektiven gesellschaftlichen Wohlstandes geschlossen werden konnte). Über eine Delegierung des adventure-Titels an ihre Prokuristen und Angestellten und schließlich durch eine Eliminierung der Begrifflichkeit aus dem konkreten Geschäftsbereich wandelt sich das (Selbst-)Porträt des Händlers/des Kapitalisten: Anonyme (gentleman-)Seriosität tritt an die Stelle des merchant adventurer-Ideals, das einer bewußt geförderten romanhaften Idealisierung des vom Bereich der Ökonomie und insgesamt der gesellschaftlichen Praxis abgehobenen Individualabenteuers weicht und dem Defoe in seinem Robinson Crusoe nachtrauert.

Die Verdrängung des adventure-Aspekte aus dem Erscheinungsbild des Kaufmanns/des Kapitalisten gelingt um so besser, als nach und nach die tatsächlichen Risiken der kapitalistischen Praxis weitgehend aus dem individuellen Geschäftsbereich hinaus in die gesamtgesellschaftliche Verantwortung verlagert werden, ein Prozeß, der zurückgeht bis in die Anfänge des modernen Handelskapitalismus. ... Die Rechtfertigung des Profits über die Gefährlichkeit des Handels führt notwendigerweise zu einer Rechtfertigung der Gefahrenabwehr und -vorbeuge, also zum Ausbau der Handelswege und Häfen sowie des Versicherungswesens und zur Herausbildung des bargeldlosen Geldverkehrs: Der Wechselbrief und seine taktisch kluge sukzessive Sanktionierung durch die Kirche sind eine der radikalsten, die gesellschaftlichen Verhältnisse revolutionierenden Institutionen und Maßnahmen der Menschheitsgeschichte (eine Revolution, der dann die Kirche letztendlich selbst zum Opfer fällt). Die Risiken werden nach und nach in das Handelskollektiv der Gilden und Hansen verlagert, bevor sie über staatspolitische Maßnahmen an das Kollektiv der Gesamtbevölkerung delegiert werden (wobei die Größe der Unternehmen geradezu als Nötigung gegenüber dem Staat dient: je größer ein Unternehmen, desto größer auch die Gefährdung des Staates bei seinem Bankrott).

Daß dies alles auch Auswirkungen auf das Denken der Menschen haben mußte, liegt auf der Hand, aber trotz Herders Forderung von 1775 nach einer »philosophischen Geschichte des Abentheuers« (Herder 1767-68) hat sich die Philosophiegeschichte wenig um das A. gekümmert, womit ihr der Schlüsselbegriff für das Denken der Moderne (und damit die produktivzerstörerische Macht des ›europäischen Denkens‹/›der westlichen Kultur‹ etc.) abhanden gekommen ist. ...

Die Herausbildung des (bürgerlichen) Abenteuerdenkens stellt den gewaltigsten Einschnitt in der Mentalitäts- und Sozialgeschichte der Menschheit dar, an dem gemessen Reformation, Französische Revolution und Oktoberrevolution (als ihre Konsequenzen) Ereignisse beinahe anekdotischen Zuschnitts sind. …«

Fraktal Michael Nehrlich