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| | form+zweck 13 Fünf Ebenen eines
Augenblicks: Feiern
» Im Treppenhaus ist Lärm zu
hören. Eine Welle von Gelächter und Geschrei dringt durch das große
Haus nach oben. Die Flurtür wird aufgerissen, und die Kinder stürzen herein.
Sie sind die Treppe hinauf um die Wette gelaufen. Das Gelächter und das eisige
Schneetreiben haben sie in Atemnot gebracht; vielleicht haben auch der heiße
Glühwein und das Weihnachstfieber dazu beigetragen. Es sind Amanda, die
Älteste, die zum Herbst im Opernballet in der Hauptstadt anfangen soll, Alexander,
zehn Jahre, in seiner Phantasie ein Märtyrer, und dann Fanny, klein, rosig und resolut.
Und da ist auch Jenny, ein leidenschaftliches, aber rücksichtsloses Kind, das
heimlich in seine ältere Cousine Amanda verliebt ist. Jetzt kommen die
Älteren: Emilie und Alma, die sich freundschaftlich umschlungen halten und denen
der Marsch über den Marktplatz rote Wangen beschert hat. Da ist Oscar, der die
fröhliche und stabile Petra beim Arm genommen hat. Er hört dem Bericht seiner
Nichte über irgendein bemerkenswertes Erlebnis in der Haushaltsschule zu, in der
sie seit zwei Jahren Unterricht genießt. Zum Schluß kommt Gustav Adolf, der von
all dem Zuprosten im Theater ein wenig angeheitert ist. Er scherzt gewagt mit dem
Kindermädchen der Familie Ekdahl, der rundlichen, hinkenden Maj. Diese wehrt
sich kichernd. Vom Kücheneingang im zweiten Stock her kommen die
Dienstmädchen Siri und Berta sowie die Köchinnen Alida und Lisen. Die
Hausangestellte des Professors ist über Weihnachten nach Berlin nach Hause
gefahren, eine Regelung, die alle ausgezeichnet finden. Dann wird Helena Ekdahl
begrüßt: von den Söhnen mit weltmännischen Handküssen,
von den Schwiegertöchtern mit federleichten Wangenküssen, von den Kindern
mit gewaltigen Umarmungen und schmatzenden Küssen auf den Mund. Zuletzt
kommen die Dienstboten mit höflichem Lächeln und angemessen tiefen
Verbeugungen. Onkel Carl spielt auf dem Flügel eine Polka. Gustav Adolf inspiziert
das, was in der Küche angerichtet und vorbereitet worden ist, und Oscar unterrichtet
seine Mutter über Verlauf und Aufnahme der Nachmittagsvorstellung. Emilie und Alma
schleppen den schweren Wäschekorb mit den Weihnachtsgeschenken herein und
stellen ihn neben den Weihnachtsbaum. Isak Jakobi unterhält sich lärmend mit
Jenny und Fanny, die er beide auf den Schoß genommen hat. Alexander und Amanda
haben alle Würde verloren und schlagen auf dem Teppich im Salon
Purzelbäume. Fräulein Vega und Fräulein Ester rennen geschäftig
zwischen Küche, Anrichteraum und Küche hin und her, obwohl alles schon seit
mehreren Stunden vorbereitet ist. Lydia Ekdahl unterhält sich mit Petra in einem
unglaublichen Rotwelsch; Petra versteht nicht, was ihre Tante sagt, antwortet aber trotzdem
mit irgendeiner beliebigen Erwiderung, und zwar immer dann, wenn Lydia Luft holt. Siri,
Berta und Maj haben sich mit Alida und Lisen zusammengetan; sie flüstern kichernd
miteinander. Das Gesprächsthema ist ebenso lieb wie unerschöpflich: das
lebhafte Interesse Gustav Adolf Ekdahls für junge Frauen. Alle Mädchen
können mit mehr oder weniger den Tatsachen entsprechenden Erzählungen
über das Hausen Herrn Ekdahls beitragen; sowohl Maj wie Lisen haben eigene
Erfahrungen. Gleichwohl nimmt keine Anstoß oder findet das Verhalten des
Gastronomen ungehörig. Man hält ihn vielmehr für einen netten und
tüchtigen Mann, der seine Vergnügungen durchaus verdient. Nicht einmal seine
Frau macht sich die Mühe, eifersüchtig zu werden. Aus Tradition wird das
Weihnachtsessen in Frau Helenas geräumiger Küche eingenommen, die mit
allen möglichen Weihnachtsläufern, Weihnachtsgobelins,
Weihnachtsmännern, Weihnachtsdecken, Weihnachtslaternen und handgegossenen
Kerzen geschmückt ist. Aus derselben Tradition heraus essen Bedienstete und
Herrschaft gemeinsam; die Tischordnung ist willkürlich. Alles, was es zu essen gibt,
steht auf dem Küchenherd und den mit schönen Tischdecken verdeckten
Spülen oder auf dem langen Serviertisch. Jedermann nimmt sich nach Herzenslust
und Vermögen seines Magens. Es ist reichlich aufgetischt, auf verschiedenste Art
zubereiteter Hering, Wurst, Sülzen und Pasteten, Fisch, Geflügel und Fleisch in
Aspik, überbackenes Fleisch, kleine Fleischklößchen, kleine Beefsteaks,
kleine Koteletts. Dann folgt das rituelle Eintauchen des Brotes in den Sud im Kochtopf. Um
den Magen zu beruhigen und ihn für weitere Anstrengungen bereitzumachen, verzehrt
man ein mildes und duftendes Püree. Dann folgt der Weihnachtsschinken mit
Zubehör, und nachdem der Weihnachtsschinken endlich kommentiert und mit dem
Weihnachtsschinken der früheren Jahre verglichen worden ist, kommt die Reihe an
den Kabeljau, den man ebenfalls für gesund und nützlich hält. Zum
Kabeljau trinkt man einen weißen Bordeaux, der wiederum auf einen fülligen
Burgunder Lust macht und auf ein knuspriges, frisch gebratenes Schneehuhn. Auf all
das kommen obendrauf noch Reisbrei, das Obstkompott und das
Weihnachts-Mandelgebäck. Alle reden durcheinander, niemand hört zu, dann
und wann erhebt sich einer der drei Brüder Ekdahl und hält eine Ansprache in
Versen oder stimmt ein Lied an. Man trinkt Branntwein, Weihnachtsbier, Weißwein,
Rotwein, Madeira, Punsch und Cognac. Alle schreien durcheinander, nur Fräulein
Vega und Fräulein Ester sitzen steif und stumm da. Sie sind der Meinung, der Heilige
Abend sei der quälendste Tag des Jahres, sie halten es für unpassend,
daß Bedienstete auf diese Weise mit Herrschaften zusammengemischt werden.
Fräulein Vega und Fräulein Ester sind schon seit mehr als vierzehn Jahren
gezwungen, diese unwürdige Mahlzeit zu durchleiden, die Fräulein Vega
überdies eigenhändig zubereitet hat. Professor Carl Ekdahl lenkt Alexanders
Aufmerksamkeit auf sich; sein Gesicht ist rot, und er schwitzt heftig. Die blauen Augen sind
talgig und schielen leicht hinter dem goldgeränderten Pincenez. Alexander wiederum
gibt Fanny und Jenny, die von Limonade und Weihnachtsstimmung leicht berauscht sind,
Zeichen. Der Professor erhebt sich vorsichtig vom Tisch und entschuldigt sich mit einer
Verbeugung, verschwindet bei der Tür zur Anrichte um die Ecke. Alexander, Fanny und
Jenny stehlen sich unbemerkt davon. Mit erwartungsvoller Miene folgen sie Onkel Carl auf
den Fersen. Professor Ekdahl trägt in jeder Hand eine brennende Kerze, die er
draußen auf dem Flur Fanny und Jenny gibt. Lautlos öffnet er die Tür zu
dem geräumigen Treppenhaus mit den Deckenmalereien und spielenden Amoretten,
den roten Teppichen und den Messingbeschlägen, den mit Marmor verkleideten
Wänden und den Fenstermosaiken, in dem jedes Geräusch ein deutliches
Echo wirft. Onkel Carl gebietet den Kindern mit einer Handbewegung zu schweigen. Ein
wenig schüchtern löst er seine Hosenträger und knöpft Hose und
Unterhose auf und zieht sie herunter. Die Gesichter der Kinder sind blaß vor
Erwartung. Professor Ekdahl beugt sich leicht nach vorn, legt die Hände auf das
Treppengeländer und furzt. Wie durch ein Wunder entsteigt dem fetten Hintern Onkel
Carls eine Reihe der fülligsten Orgeltöne. Ein gewittergleicher und sozusagen
bebender Donnerschlag bildet den Abschluß. Jetzt halten Fanny und Jenny ihre
brennenden Kerzen einige Zentimeter vom Hinterteil des Professors entfernt. Ein
Augenblick höchster Spannung. Dann donnert ein scharfer Kanonenschuß durch
das Ekdahlsche Treppenhaus. Die Flammen der Kerzen flackern und erlöschen.
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Fraktal Ingmar Bergmann
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