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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Recht
Die Verhältnisse von Fangen und Fliehen, von Gehorchen und Widersetzen
sind Verhältnisse der Herrschaft. Daran ändert ihre humanistische Firmierung
nichts. Das Problem der modernen Gefolgschaft lautet: wie kann Herrschaft befolgt werden
von einem Gefolge, dem Menschsein nur als Übersteigerung ihres augenblicklichen
Menschseins vorgeführt wird? Wie ist eine Gefolgschaft, die das
übermenschliche Vorbild des Führers nie erreicht, von dessen
übermenschlichen Ideen zu begeistern?
»Das Problem für sie ist, wie sie genug Herrenmenschen herstellen
können. Im KZ hat uns der Kommandant drei Stunden übern Barackenhof
traben und danach 200 Kniebeugen machen lassen. Dann haben wir uns in zwei Reihen
aufgestellt, und er hat eine Ansprache gehalten. Wir Deutschen sind ein Herrenvolk, hat er
mit einer hohen quiekenden Stimme geschrien. Ich werd euch Schweinekerle solang
zwiebeln, bis ich euch zu Vertretern einer Herrenrass gemacht hab, die man der Welt
vorstellen kann, ohne erröten. Wie wollt ihr die Weltherrschaft antreten, wenn ihr
solche Schlappschwänze und Pazifisten seid? Die Schlappschwänzigkeit und
den Pazifismus überlassen wir den vernegerten Rassen im Westen. Jeder einzelne
Deutsche ist diesem Gesindel rassisch so überlegen wie eine Tanne einem
Schwammerling. Ich werd euch hier solange die Eier schleifen, bis ihr das begriffen habt
und mir auf euren Knien dankt, daß ich im Auftrag des Führers Herrennaturen
aus euch gemacht hab!«
Geht die Gefolgschaft zugrunde, wenn der Führer ihr genommen ist, wenn statt
seiner eine abstrakte Idee, Ordnung herrscht?
»Es heißt: wer andere beherrschen will, muß lernen, sich selber zu
beherrschen. Die Leut in diesem Land werden also nicht nur von den Gutsbesitzern und
den Fabrikanten beherrscht, sondern auch von sich selber, was Demokratie genannt wird.
Das erste Gebot der Selbstbeherrschung heißt: das Maul halten. In der Demokratie
kommt dazu die Redefreiheit, und der Ausgleich wird dadurch geschaffen, daß es
verboten ist, sie zu mißbrauchen, indem man redet. Es darf alles besprochen werden,
was nicht zu den militärischen Angelegenheiten gehört. Darüber, was
militärische Angelegenheiten sind, bestimmt das Militär, das ja hier
Fachkenntnisse besitzt. Das Militär hat die größte Verantwortung.
Infolgedessen hat es auch das größte Verantwortlichkeitsgefühl und
kümmert sich um alles. So werden alle Angelegenheiten militärische
Angelegenheiten und dürfen nicht besprochen werden.«
Und der einfache Mann, die schlichte Frau auf der Straße, was wird mit
denen?
»Sie haben einen Reichstag. In der X-Straße wohnt eine Frau mit fünf
Kindern, eine Witwe, die sich mit Waschen durchbringt. Sie hat gehört, daß
Reichstagswahl ist und ist zum Distrikt gegangen, wo die Listen ausgelegen sind, hat ihren
Namen aber nicht drin gefunden. Sie hat Krach machen wollen, weil sie geglaubt hat, sie
wird betrogen, man hat ihr aber gezeigt, daß der Reichstag ein Gesetz gemacht hat,
nach dem solche Leut, die vom Staat Unterstützung bekommen haben, nicht
wählen dürfen. Sie hat hauptsächlich wählen wollen, weil die
Unterstützung so winzig war und weil sie überhaupt keine Unterstützung
hat haben wolle, sondern anständige Bezahlung, wenn sie den ganzen Tag arbeitet
und sie soll hinausgegangen sein mit dem Ausspruch: ›Zum Teufel mit eurem Reichstag!‹
Die Polizisten haben ein Auge zugedrückt und es ist ihr nichts passiert, heißt es.
Das überrascht mich, daß sie sich nicht hat beherrschen können.«
Fraktal Bertolt Brecht
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