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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Fortschritt
Das Teuflische an der Technik ist ihre Selbstverständlichkeit. Ihre Nutzung macht
sie unsichtbar.
Im Grunde beginnt alles mit dem aufrechten Gang. Lauri Anderson hat das Gehen als
eine Technik gesehen fortzukommen, indem man sich nach vorn neigt, hinstürzt und
diesen Sturz mit einem Schritt nach vorn abfängt. In der Fortsetzung dieses
Stürzens und Abfangens schreitet der Mensch voran. Technik ist hierbei eine
Fähigkeit der Körperbeherrschung, sie muß erlernt werden, die Griechen
hatten dafür den Begriff der techné. Im Unterschied zu diesem Wandern ist
Fortschritt eine Funktion technischer Apparaturen. In der techné erscheint die Idee
vom souveränen Menschen, die Idee, der Natur abzutrotzen, durchaus in dem Sinne,
die Natur zu seinen Gunsten sich selbst bewegen zu lassen. Im Apparatehaften der Technik
aber ist das Naturprinzip gegen Natur geführt. Die Arglosigkeit, mit der der
göttliche Mensch der Natur begegnete, wurde durch die listige Idee abgelöst,
vom Menschen unabhängige Naturprozesse gegen Natur zu führen.
Natürlich entstand diese Idee in den Köpfen derer, die zu Handlangern der
Herrschenden gemacht waren. In Laboratorien sollten Versuche an der Natur Wissen
schaffen, wie Naturprinzipe gegen Natur zu führen seien. Diese Lust an der List, diese
Versuchung der Natur, Natur gegen sich selbst sich selbst bewegen zu lassen, formte die
Idee vom Automaten.
Fraktal Jörg Petruschat
Vaucanson baut 1741 eine Ente, die laufen und schwimmen kann, deren Flügel sich
bewegen, die Körner aufpickt: Schluckbewegungen werden dabei sichtbar, im Inneren
des Apparates werden die Körner zermahlen und dann wieder ausgeschieden. Oder:
Vaucanson baut einen Flötenspieler. Er hat bewegliche Lippen, eine bewegliche
Zunge, die als Regulierungsventil dient, bewegliche Finger, deren Lederkuppen die
Öffnungen der Flöte bedienen. Das Ziel liegt darin, die Künstlichkeit der
Bewegung verschwinden zu machen. Was Vaucanson mit diesen Automaten vorlegt, ist ein
ästhetisches Laboratorium der Mechanik, noch kein technisches, produktives oder
wissenschaftliches, es ist nicht mechanische Natur, sondern mechanische
Natürlichkeit, Mimikry der Natur.
Und doch: Die Ente von Vaucanson ist die erste Lokomotive, es ist der erste Apparat, der
sich selbst bewegt. Lokomotive kommt aus dem engl. locomotive, was wörtlich
&Mac221;Maschine, die sich von der Stelle bewegt&Mac220; bedeutet; es ist eine
Neubildung zu lat. locus &Mac221;Ort, Stelle&Mac220; und lat. movere,
&Mac221;bewegen&Mac220;. Vaucanson wird zum Inspektor der königlichen
Seidenmanufaktur berufen. Er entwickelt einen mechanischen Webstuhl für
Seidenstoffe. Das automatische Heben und Senken der Litzen erfolgt ähnlich wie
beim Flötenspieler mittels einer durchlochten Trommel nach dem gleichen Prinzip,
nach dem auch die Luftzufuhr und die Tonfolge beim Flötenspieler geregelt wird.
Fraktal Chup Friemert
In der Mechanisierung natürlicher Prozesse wird das der Natur Abgeschaute gegen
das Angeschaute eingesetzt. Der sichtbare Mensch erscheint noch lange als
Ergänzung jener Schnittstellen im System, die noch nicht technisierbar waren, bis das
automatische Netz ihn von der Arbeit befreit, in dem es ihn ausscheidet wie Verdorbenes.
Geflissentlich wurde dabei überlogen, daß die Maschinisierung der Welt auch
die Unterthänigkeit des menschlichen Begehrens erzwingt. Ohne die
Funktionalisierung des menschlichen Bedürfnisses zur Ausbeutung der
Menschennatur, so wird euphorisiert und räsoniert, sei der Natur eben nicht zu
begegnen, ohne Verzehrung, heißt es, sei Fortschritt nicht zu haben. Heut ist\'s nicht
menschliche Bewegungsenergie, die das Räderwerk der Weltenuhr aufzieht und in
Gange hält, sondern Thermodynamik, Sonnenkollektoren, Windräder, Pipelines
und menschenfreie Meiler, das invertierte Ziffernblatt wird ausstaffiert zum Bildschirm voller
bunter buttons mit hohem Unterhaltungswert, oder zum sensitiven Implantat.
Der
Fortschritt, der in der Befreiung von der Arbeit liegt, führt zur Versklavung im Konsum.
Das Verdammnis dieses Fortschritts heißt Verbrauch. So vermittelt die Technik heute
nicht mehr zwischen Natur und Mensch nach dem Paradigma der Arbeit, sondern zwischen
Rohstoff und Müll. Für diese Vermittlungsfunktion der technischen Systeme
heißt das Paradigma Recycling, oder, wie Neil Postman das Recycling faßt: the
medium is the message. Nicht um die Stoffe geht es, schon gar nicht um die rohe Welt,
sondern um die Sicherung der industriellen Kreisläufe.
Die Globalisierung der Technik hat auch das Wagnis des Fortschreitens globalisiert.
Maschinelle Systeme, von denen es heißt, sie dienen dazu, den Sturz des weltweit
vernetzten menschlichen Körpers abzufangen, perpetuieren ihn mit automatischer
Sicherheit. Von Wandern ist schon lange nicht mehr die Rede, sondern von Fortfahren oder
besser: von Fortsetzen.
Dreißig Jahre nach der Erfindung des Flugzeuges durch die Gebrüder Wright
beginnt der Seemann Tatlin, Kraniche zu beobachten. Er wollte ein Gestell entwickeln, damit
Menschen fliegen können. Denn Fliegen, so soll er gesagt haben, bedeute nicht, sich
in eine Maschine zu setzen.
Fraktal Jörg Petruschat
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