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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Rudel
Rudel s: Der erst seit dem 17. Jh. bezeugte weidmänn. Ausdruck für
›Vereinigung einer größeren Anzahl von Hirschen, Gemsen, Wildschweinen
oder Wölfen‹ ist dunklen Ursprungs. Im heutigen Sprachgebrauch wird ›Rudel‹ nicht
nur auf wildlebende Tiere bezogen, beachte z. B. ›im Rudel laufen‹ und ›ein Rudel
Rennwagen‹.
Fraktal Etymologie
Die merkwürdige Anführung ›ein Rudel Rennwagen‹ und ›im Rudel
laufen‹ trägt eine Spur: die ersten Rennfahrer, und die ersten meint die erste
Generation von Rennfahrern, nicht die ersten Automobilisten, die ersten Auto-Rennfahrer
also waren nicht etwa wagemutige junge Männer aus den Vorstädten, die ihren
Kragen riskierten, um sich einen satten Bauch, Genüsse, Ruhm und
gesellschaftlichen Aufstieg zu erkämpfen. Die ersten Rennfahrer kamen aus dem
Adel. Sie entstammten den alten Eliten, die in ihren Führungspositionen durch die
Bourgeoisie verdrängt worden waren, ohne deshalb besitzlos geworden zu sein. Die
Vorstädte fuhren Fahrrad und jagten ihresgleichen im Sechstagerennen über
die Bahn. Den adligen Autorennfahrern war der Zusammenhang von Rudel und
Rennen-Fahren geläufig, waren sie doch gewohnt, sowohl im Krieg als auch bei der
Jagd zu treiben, einzukreisen, zu hetzen, nachzusetzen. Sie kannten den Rausch der
Geschwindigkeit, wenn auch in je verschiedenen Maßstäben: zu Pferd, dann als
Automobilisten und später dann als Flieger. Der Rausch an der Geschwindigkeit
betraf das Schnellersein im Aufsitzen. Das Jagen, das ihnen im Ernst, als gesellschaftlich
wirksame Form zunächst für eine Zeit verwehrt war, erhielten sie sich als
Fähigkeit und nährten diese als Gelüst im Sport. Nachdem er im
Vollrausch sein Auto in den Straßengraben gefahren hatte, das erst ein Bauer mit
Zugtieren wieder auf die Straße stellte und er unverzüglich weiterfuhr — Jahre vor
seinem legendären Flug über Wien, als er über Feindesland
Flugblätter abwarf —, schrieb d\\\'Annunzio das trunkene Pamphlet, das als Manifest der
neuen Zeit genußvoll angenommen wurde. Was den Eliten Vergnügen war,
bedeutete den anderen Arbeit.
Marinetti, der ein Automobil mit dröhnendem Motor für schöner als
die Nike von Samothrake hielt, sinniert beim Blick aus dem Fenster seines Mailänder
Hauses:
»Doch während wir auf die leise gemurmelten Gebete des Kanals und das
Knirschen der Gebeine altersschwacher Paläste über ihren feuchten
grünen Bärten lauschten, hörten wir plötzlich unter den Fenstern das
hungrige Brüllen von Automobilen.
›Laßt uns gehen!‹ sagte ich. ›Los, Freunde! Laßt uns gehen...!‹
Wir näherten uns den drei schnaubenden Bestien, um mit liebkosenden
Händen ihre glühendheißen Brüste zu berühren. Ich legte mich
ausgestreckt auf meinen Wagen wie eine Leiche auf die Bahre, aber ich wurde wieder
lebendig, sobald ich unter dem Lenkrad saß, dem Messer einer Guillotine, die
drohend über meinem Magen schwebte.«
Fraktal Filippo Tommaso Marinetti
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