form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




form+zweck 13 – Fünf Ebenen eines Augenblicks

Gemeinschaft


Gemeinschaft nennen wir den gleichberechtigten Austausch von Begabung.
Diese Idee ist sehnsuchtsvoll. Gemeinschaftlichkeit ist keine Form, die sich von selbst ergibt. Gemeinschaft ist etwas, das hergestellt wird.


Es ist verwunderlich, daß Gemeinschaftlichkeit zuerst unter der Figur des Zwanges gedacht wird, als Notgemeinschaft, als ein Angewiesensein aufeinander. Was aber ist das Gemeinsame darin? Das Gemeinsame darin ist die Not, nichts Geschaffenes, sondern das Gegebene. Die notwendige Gemeinschaft entsteht in der Auseinandersetzung mit dem Gegebenen, heißt es. Diese Auseinandersetzung ist aber nicht sehnsuchtserfüllt, sondern mühevoll, das Gegebene soll ja überwunden werden. Mit der Überwindung der Not zerfällt die Gemeinschaft, die dem Gegebenen entgegengestellt wurde. Notgemeinschaften sind deshalb negativ.
Diesen aus der Not geborenen Gemeinschaften entstammt die Idee vom Gemeinsamen, das Märchen vom Glück des Zusammenseins.
Eine Vorstellung von erfüllten Gemeinschaft ist im Abendmahl festgehalten. Im Abendmahl findet die Gemeinschaft ihre Einlösung, weil hier das verteilt und aufgebraucht wird, was dem Gegebenen abgenötigt werden konnte. In dieser Abnötigung durch Anstrengung der Kräfte, ist zwar Zusammenhang, aber noch keine Gemeinschaft. Hier kommen die unterschiedlichen Talente des Einzelnen ins Spiel, hier kommt es auf die Virtuosität des Einzelnen an, hier schafft die Differenz den Ansporn. Die Erzeugnisse zeigen das Gemeinsame der Mühsal, den Kraftschluß. Im Genuß, am Verzehr dieser Erzeugnisse findet die Auseinandersetzung individueller Mühen ihren Ausgleich, ihre Anerkennung, ihre Befriedigung. Der Genuß entspannt die Mühsal. Die Sehnsucht nach Entledigung von den Mühen, nach Mühelosigkeit treibt den Einzelnen in die Gemeinheiten der Anstrengung. Dieses Sehnsuchtsbild, diese Verheißung einer von Mühsal befreiten Gemeinschaft bei Tische ist die Ideologie des Abendmahls. Fluchtpunkt dieser Ideologie ist die Idealisierung des kollektiven Verzehrs, das Versprechen auf allgemeine Wohlfahrt. Wenn aber das Abendmahl für alle gelten soll, sind die Grenzen der Gemeinschaft aufgekündigt. Mit der ideologischen Aufkündigung notgemeinschaftlicher Grenzen ist der Untergang, die Selbstauflösung des Abendmahlsgemeinschaft markiert. Der eine verrät die Gemeinschaft um ein paar Silberlinge willen. Der andere geht daraufhin ans Kreuz, er verzehrt sich um der Schuld der anderen willen. In den rituellen Abendmahlsgemeinschaften, im Gottesdienst wird dieser Verzehr kollektiv wiederholt — der Leib Christi wird als Oblate gereicht. Die Müheseligen und Beladenen fressen ihre eigene Schuldigkeit. Dieses Fest ist ein kannibalischer Akt.

Fraktal Jörg Petruschat