form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Rangfolge

 

DER ANBIETENDE KENNT DIE LOCKUNG — UND DIE GEBOTE

Dritter Aufzug,

in welchem gezeigt wird,

daß es ein allgemeiner Irrtum ist, anzunehmen, auf Triebe reime sich Liebe;

daß Geschlechts-Scham verschwindet oder verwandelt wird, wenn das faire l\\\'amour als eine Art lebendige Unterweisung vor sich geht,

in welchem gezeigt ist, daß suburbane Aufführung die alltägliche Intimität umbaut, freilegt durch ein halböffentliches Verlangen, das weder Haben will, noch Teil-Haben, sondern Mit-tun;

ein Aufzug, in dem Fleischgier, nicht Habgier im Vordergrund steht,

ein Aufzug, in dem das Verhältnis der Akteure zueinander — obwohl durch Geld vermittelt — nicht in Käuflichkeit aufgeht, sondern als ein Gebrauchswert-Verkehr organisiert ist, als eine Gegenseitigkeit von Leistungsträgern.

Mitteleuropäer stürzen in die Unterwelt von Kyoto, Japan. Der Ort ist reiner Zu-Fall.

»Er fuhr uns vom Osten weit nach Süden, hinter den Hauptbahnhof, und hielt in einer Seitenstraße vor einem nicht weiter auffälligen Gebäude. Eine Neon-Affiche zeigte an, hier werde etwas geboten. Durch ein enges Foyer trat man ins überraschend geräumige Innere. Ein erhöhter Laufsteg führte mitten durch das Theater zur offenen Bühne und teilte den Zuschauerraum, der schon gut besetzt war. Förmlich gekleidete Herren und einige wenige Damen saßen in Gruppen um die Tischchen und wurden von busenfreiem Personal bedient. Wir hatten Mühe, im hinteren Teil der Estrade noch freie Stühle zu finden. Kranartige Aufbauten links und rechts der Bühne schienen nicht der Beleuchtung zu dienen, denn sie waren mit Hochsitzen bestückt, über die sich ein Gitterkäfig wölbte. Lautsprechermusik besorgte die Unterhaltung, ein schleppender, vom Schlagzeug aufgewippter Sound, der sich durch das gelegentliche Seufzen einer Frauenstimme als Vorspiel zu erkennen gab. Auf Bühne und Laufsteg des halbhellen Theaters waren kreisrunde Plattformen eingelassen, Fischaugen, die, von unten beleuchtet, ein schwaches Aquariumlicht verbreiteten. Ein schwarz gekleideter Mann betrat den Lichtkegel in der Bühnenmitte, um die Gäste in grollendem Ton willkommen zu heißen. Kaum war er abgetreten, verdunkelte sich das Theater, nur die Plattformen glommen deutlicher. Die Frauenstimme, die bisher nur geseufzt hatte, schaukelte sich zu eindeutigen Locktönen hoch und schien dabei immer gepreßter atmen zu müssen. Dabei entschlüpften ihr gedehnte kleine Wehlaute oder überschnappende Jauchzer. Zwei Frauenschatten huschten auf die Bühne, nahmen je auf einer Lichtscheibe Gestalt an, traten sie mit hochhackigen Stiefelchen und gaben sich, im blauen Kleid die eine, im weißen die andere, als Verkörperungen dieser Stimme zu erkennen, denn sie wiegten sich in ihrem Takt. Mit gekalkten Gesichtern unter silberhellen Perücken lächelten sie blind in die Zuschauer hinaus, ließen die Hüften kreisen, schoben einen Schenkel aus dem Kleidschlitz und schüttelten dann, in einem gleichzeitigen Schauder, eine Schulter aus der Seide, die sie auf beiden Brüsten scheinbar erschrocken festhielten. Und während sie diese wie abwesend streichelten, öffneten sich die Lippen und ließen die Zunge entschlüpfen, die immer haltloser von einem Winkel in den andern fuhr. Dann begannen sie sich, der Lautsprecherstimme ausgeliefert, von ihren Hüllen freizuschreiten und warfen einander zur Abstimmung rasch prüfende Blicke zu.

Bald gab es nur noch einen schmalen Hüftgürtel loszuwerden, der an gedehnten Strapsen die schwarzen Strümpfe festhielt. Doch vergeblich zupften sie an den Bändern, denn die in die Wollust ertrinkende Frauenstimme sog ihnen alle Kraft aus den Fingern, erweichte jetzt auch ihre Schenkel, so daß sie nur noch nachgeben konnten, sinken mußten, vergeblich bemüht waren, sich noch einmal zusammenzupressen. Wie von selbst gingen sie auseinander, als die Bodenplatte die Überwältigten aufgefangen hatte, und es half ihnen nichts, wenn sie die entstandene Blöße mit einer Hand bedeckten.

Denn kein Schmollmäulchen lenkte jetzt noch vom andern, dem wahren Mund ab, dessen Umriß hinter der schützenden Hand hervordunkelte. Die Finger konnten ihn nicht bedecken, ohne ihn zu berühren, und sie konnten ihn nicht berühren, ohne ihn zu wecken. Was die Finger anrichteten, war im Spiegel deutlich zu sehen, zu dem die beleuchtete Plattform geworden war. Umsonst warfen sich die Frauen hin und her, als gäbe es ein Entrinnen vor der rohen Blüte, die ihnen zwischen den Schenkeln gedieh; denn jetzt begann sich der Spiegel zu drehen, und was dem Einblick vorne entzogen wurde, offenbarte sich desto triumphierender von hinten. Die Stimme aus dem Lautsprecher hechelte ihrem unaufhaltsamen Höhepunkt entgegen, und als er ausbrach — in gequältem Englisch, als gebe es für alles Wahre der Welt nur diese Sprache —, ließen die Mädchen mit einem Ruck die letzte Prätention von Scham fahren. Sie streckten das eine Bein hoch und spreizten das andere beiseite. Auf beide Arme gestützt, gaben sie ihr Geschlecht zur Besichtigung preis.

Brüsk nahmen die Frauen ihr gestrecktes Bein zurück. Sie lächelten erschöpft auf ihre Schöße nieder wie auf ein vollbrachtes Werk. Ab und zu ließen sie die Schenkel, wie ermattete Schmetterlinge die Flügel, auf und zu schlagen. Doch die Lautsprecherstimme, die das Hüpfen der Rhythmusinstrumente nur noch schwach keuchend begleitet hatte, schöpfte wieder Atem für neue Foltern der Lust, die es laut und immer lauter zu werden verlangte. Schon eilte sie der fordernden Musik voraus, um sich dann um so länger von sich schleifen zu lassen. Da durfte sich auch die kleinere, festere Tänzerin nicht mehr damit begnügen, ihr Geschlecht unbewegt darzubieten. Es begann zu hüpfen, zu schnellen, sie zeigte wie anklagend mit dem Finger darauf, immer wieder. Dann versuchte sie, während die Stimme aus dem Lautsprecher unerbittlich weitertrieb, mit allen Fingern eine Bändigung des Organs, dessen Verwilderung mit jedem Drehen der Plattform krasser ins Auge fiel.

Die größere Silberblonde hielt sich noch mit einem rosa Schleierchen bedeckt. Doch je heftiger sie es auf ihrer Scham tanzen ließ, desto weniger verdiente auch diese ihren Namen; und plötzlich duldete sie den Störenfried gar nicht mehr, schnappte danach und begann ihn mit malenden Bewegungen des ganzen Unterleibs einzuziehen, bis das Fetzchen nur noch als verlorene Beute zwischen gefräßigen Lippen zuckte. Die Darstellerin warf sich herum und auf die Knie, schlug mit den Fingerspitzen von rückwärts auf das unerhörte Maul, doch ohne seinen Appetit zu dämpfen: denn nun machte es auch diese Finger zum Naschwerk, das erst abgeleckt, dann ebenso verschlungen sein wollte, bevor sie das rosa Fähnchen am letzten Zipfel zu fassen bekamen und aus dem zahnlosen Schlund zupften, eine kokette Geburt, die der Lautsprecher mit furchtbarem Stöhnen begleitete.

Auch auf der anderen Plattform hatte das Hinterteil, das die Runde machte, ein Spektakel zu bieten, denn es wurde zur völligen Offenbarung gezwungen. Zwei Hände hatten auf den Hinterbacken Halt gefaßt, und zwei Finger spreizten von beiden Seiten erst die äußeren, dann die inneren Schamlippen so weit auseinander, daß man es in der Tiefe von blutigem Leben zucken sah, die Wunde von Natur.

Die Künstlerinnen hielten sich jetzt nicht mehr mit der Vortäuschung ungehemmter Gier auf. Was sie boten, war der reine Anschauungsunterricht. Das Publikum saß lautlos im dämmrigen Vorführraum wie eine gehorsame Schulklasse, die sich nichts entgehen läßt. Einzelne Männer hatten sich sogar vorgebeugt, während die Damen sich eher zurücklehnten, doch ohne den geringsten Anschein von Verlegenheit.

Nun wurde das Hinterteil, umgedreht und aufgerichtet, wieder zum Unterleib, und das Publikum bekam vorgeführt, wie man ihn zu behandeln hat, um ihm mit Tüpfeln und Tupfen, Kreisen und Kneten einen Orgasmus abzugewinnen. Die Frauen verzogen keine Miene dazu. Ihr Lächeln blieb arbeitslos. Sie hatten nur ein Gesicht zum Studium anzubieten. Sie hätschelten und tätschelten den verzogenen Mund, bis er zum zwinkernden Auge wurde, in das eine echte Träne trat. Am stärkeren Leib ereignete sich das Phänomen zuerst, und der Seidenfetzen kam gerade recht, um die Spur der Rührung abzuwischen. Am festeren und kleineren Leib zeigte sie sich noch immer nicht, und seine Verrenkungen wirkten schon verzweifelt. Dafür aber entfuhr das Ersehnte diesem Mundstück plötzlich in einem sichtbaren Strahl. Ein livrierter Herr reichte frische Seide nach, damit sich die Darstellerin von ihrem Überfluß reinigte; sie tat es eilfertig, ohne weitere Umstände. Die Musik hatte sich zum Hintergrund verdünnt, die Frauen erhoben sich. Sie lächelten artig, neigten den Kopf, verneigten sich deutlicher, als sich ein dünner Beifall erhob, und huschten in die Kulissen davon.

Das Publikum, unsere Nachbarn mit Anzug und Krawatte, waren der Darbietung aufmerksam gefolgt. Doch wirkten sie davon nicht sonderlich aufgeregt. Eher lag etwas wie feierliche Spannung über den Tischen. Dabei fiel kein lautes Wort, erst recht kein witziges, kein Lachen. Das teure Bier ist ausgetrunken, wir könnten gehen und machen schon Miene dazu: da dreht der Lautsprecher wieder auf. Diesmal ist es eine schwarze Frauenstimme, die ihr Baby lockt, und, nach ihrem Timbre zu schließen, darf es nur der stärkste Mann sein.

Dazu erscheint, mit wippendem Stiefelschritt, die größere Silberblonde wieder und läßt sich vom Lichtkegel einfangen, der ihr über die Bühne folgt. Sie kommt, bis auf Strapse und Hüftbänderung, so nackt, wie sie gegangen ist, nur glänzt die Haut nicht mehr von Schweiß. Vor das Geschlecht hält sie sich an spitzen Fingern ein rotes Fetzchen Seide und läßt es mit jedem Hüftschwung hin und her hüpfen, wie ein koketter Torero die Muleta. Nun schwenkt sie es nach den Zuschauerköpfen, zwischen denen sie auf die Brücke hinausschreitet, bis zur ersten Plattform, die zu leuchten beginnt, als sie sich niederläßt, um die Lektion offenbar genau dort wieder aufzunehmen, wo sie vor der Pause abgebrochen worden ist. Denn ohne Umstände öffnet sie vor dem ersten Männerkopf ihre Grätsche, neckt ihn mit der Seide, zieht sie über ihr Geschlecht, dann über sein Gesicht. Sie faßt ihn am Gelenk, so daß er sein Glas loslassen muß, gibt ihm dafür das Tüchlein zu halten, preßt seine Hand mit dem Tüchlein zusammen gegen ihre Scham, zupft es ihm dann unter der ratlosen Hand weg und verhüllt sie, damit sie im Versteck munterer werde. Ihre Hand schlägt auf seine, ohne daß sie sich rührte; jetzt muß sie sich also selbst, indem sich ihre Hand über dem ganzen Packen zusammenkrampft, den Angriff auf ihre Unversehrtheit besorgen. Plötzlich reißt sie das Fetzchen weg, wie man ein Denkmal enthüllt; und in der Tat, die Männerhand hat sich belebt und blättert selbsttätig am offenen Fleisch.

Der Tisch, an dem der Mann immer noch sitzt, ist unruhig geworden. Die Gruppe starrt auf einen ernsthaften älteren Herrn, Prokurist oder Personalchef, bis er ihr das Zeichen gibt. Da springen die jungen Männer auf, ihre Arme hacken ein Stakkato, sie bellen einen Singsang, der sich wie ein Abzählreim anhört und am Ende in ein Hallo ausbricht. Viele Arme greifen nach einem Jüngling mit Brille und dichter Haarkappe und heben ihn über den Rand des Laufstegs. Da steht er nun ganz verlegen vor der Tänzerin, die den ersten Mitspieler entlassen hat und sich nach hinten lehnt, um beide Arme für den neuen zu öffnen.