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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Rangfolge
DER ANBIETENDE KENNT DIE LOCKUNG — UND DIE GEBOTE
Dritter Aufzug,
in welchem gezeigt wird,
daß es ein allgemeiner Irrtum ist, anzunehmen, auf Triebe reime sich Liebe;
daß Geschlechts-Scham verschwindet oder verwandelt wird, wenn das faire
l\\\'amour als eine Art lebendige Unterweisung vor sich geht,
in welchem gezeigt ist, daß suburbane Aufführung die alltägliche
Intimität umbaut, freilegt durch ein halböffentliches Verlangen, das weder Haben
will, noch Teil-Haben, sondern Mit-tun;
ein Aufzug, in dem Fleischgier, nicht Habgier im Vordergrund steht,
ein Aufzug, in dem das Verhältnis der Akteure zueinander — obwohl durch Geld
vermittelt — nicht in Käuflichkeit aufgeht, sondern als ein Gebrauchswert-Verkehr
organisiert ist, als eine Gegenseitigkeit von Leistungsträgern.
Mitteleuropäer stürzen in die Unterwelt von Kyoto, Japan. Der Ort ist reiner
Zu-Fall.
»Er fuhr uns vom Osten weit nach Süden, hinter den Hauptbahnhof, und hielt in
einer Seitenstraße vor einem nicht weiter auffälligen Gebäude. Eine
Neon-Affiche zeigte an, hier werde etwas geboten. Durch ein enges Foyer trat man ins
überraschend geräumige Innere. Ein erhöhter Laufsteg führte mitten
durch das Theater zur offenen Bühne und teilte den Zuschauerraum, der schon gut
besetzt war. Förmlich gekleidete Herren und einige wenige Damen saßen in
Gruppen um die Tischchen und wurden von busenfreiem Personal bedient. Wir hatten
Mühe, im hinteren Teil der Estrade noch freie Stühle zu finden. Kranartige
Aufbauten links und rechts der Bühne schienen nicht der Beleuchtung zu dienen, denn
sie waren mit Hochsitzen bestückt, über die sich ein Gitterkäfig
wölbte. Lautsprechermusik besorgte die Unterhaltung, ein schleppender, vom
Schlagzeug aufgewippter Sound, der sich durch das gelegentliche Seufzen einer
Frauenstimme als Vorspiel zu erkennen gab. Auf Bühne und Laufsteg des halbhellen
Theaters waren kreisrunde Plattformen eingelassen, Fischaugen, die, von unten beleuchtet,
ein schwaches Aquariumlicht verbreiteten. Ein schwarz gekleideter Mann betrat den
Lichtkegel in der Bühnenmitte, um die Gäste in grollendem Ton willkommen zu
heißen. Kaum war er abgetreten, verdunkelte sich das Theater, nur die Plattformen
glommen deutlicher. Die Frauenstimme, die bisher nur geseufzt hatte, schaukelte sich zu
eindeutigen Locktönen hoch und schien dabei immer gepreßter atmen zu
müssen. Dabei entschlüpften ihr gedehnte kleine Wehlaute oder
überschnappende Jauchzer. Zwei Frauenschatten huschten auf die Bühne,
nahmen je auf einer Lichtscheibe Gestalt an, traten sie mit hochhackigen Stiefelchen und
gaben sich, im blauen Kleid die eine, im weißen die andere, als Verkörperungen
dieser Stimme zu erkennen, denn sie wiegten sich in ihrem Takt. Mit gekalkten Gesichtern
unter silberhellen Perücken lächelten sie blind in die Zuschauer hinaus,
ließen die Hüften kreisen, schoben einen Schenkel aus dem Kleidschlitz und
schüttelten dann, in einem gleichzeitigen Schauder, eine Schulter aus der Seide, die
sie auf beiden Brüsten scheinbar erschrocken festhielten. Und während sie
diese wie abwesend streichelten, öffneten sich die Lippen und ließen die Zunge
entschlüpfen, die immer haltloser von einem Winkel in den andern fuhr. Dann
begannen sie sich, der Lautsprecherstimme ausgeliefert, von ihren Hüllen
freizuschreiten und warfen einander zur Abstimmung rasch prüfende Blicke zu.
Bald gab es nur noch einen schmalen Hüftgürtel loszuwerden, der an
gedehnten Strapsen die schwarzen Strümpfe festhielt. Doch vergeblich zupften sie an
den Bändern, denn die in die Wollust ertrinkende Frauenstimme sog ihnen alle Kraft
aus den Fingern, erweichte jetzt auch ihre Schenkel, so daß sie nur noch nachgeben
konnten, sinken mußten, vergeblich bemüht waren, sich noch einmal
zusammenzupressen. Wie von selbst gingen sie auseinander, als die Bodenplatte die
Überwältigten aufgefangen hatte, und es half ihnen nichts, wenn sie die
entstandene Blöße mit einer Hand bedeckten.
Denn kein Schmollmäulchen lenkte jetzt noch vom andern, dem wahren Mund ab,
dessen Umriß hinter der schützenden Hand hervordunkelte. Die Finger konnten
ihn nicht bedecken, ohne ihn zu berühren, und sie konnten ihn nicht berühren,
ohne ihn zu wecken. Was die Finger anrichteten, war im Spiegel deutlich zu sehen, zu dem
die beleuchtete Plattform geworden war. Umsonst warfen sich die Frauen hin und her, als
gäbe es ein Entrinnen vor der rohen Blüte, die ihnen zwischen den Schenkeln
gedieh; denn jetzt begann sich der Spiegel zu drehen, und was dem Einblick vorne entzogen
wurde, offenbarte sich desto triumphierender von hinten. Die Stimme aus dem
Lautsprecher hechelte ihrem unaufhaltsamen Höhepunkt entgegen, und als er
ausbrach — in gequältem Englisch, als gebe es für alles Wahre der Welt nur
diese Sprache —, ließen die Mädchen mit einem Ruck die letzte Prätention
von Scham fahren. Sie streckten das eine Bein hoch und spreizten das andere beiseite. Auf
beide Arme gestützt, gaben sie ihr Geschlecht zur Besichtigung preis.
Brüsk nahmen die Frauen ihr gestrecktes Bein zurück. Sie lächelten
erschöpft auf ihre Schöße nieder wie auf ein vollbrachtes Werk. Ab und zu
ließen sie die Schenkel, wie ermattete Schmetterlinge die Flügel, auf und zu
schlagen. Doch die Lautsprecherstimme, die das Hüpfen der Rhythmusinstrumente
nur noch schwach keuchend begleitet hatte, schöpfte wieder Atem für neue
Foltern der Lust, die es laut und immer lauter zu werden verlangte. Schon eilte sie der
fordernden Musik voraus, um sich dann um so länger von sich schleifen zu lassen. Da
durfte sich auch die kleinere, festere Tänzerin nicht mehr damit begnügen, ihr
Geschlecht unbewegt darzubieten. Es begann zu hüpfen, zu schnellen, sie zeigte wie
anklagend mit dem Finger darauf, immer wieder. Dann versuchte sie, während die
Stimme aus dem Lautsprecher unerbittlich weitertrieb, mit allen Fingern eine
Bändigung des Organs, dessen Verwilderung mit jedem Drehen der Plattform krasser
ins Auge fiel.
Die größere Silberblonde hielt sich noch mit einem rosa Schleierchen
bedeckt. Doch je heftiger sie es auf ihrer Scham tanzen ließ, desto weniger verdiente
auch diese ihren Namen; und plötzlich duldete sie den Störenfried gar nicht
mehr, schnappte danach und begann ihn mit malenden Bewegungen des ganzen
Unterleibs einzuziehen, bis das Fetzchen nur noch als verlorene Beute zwischen
gefräßigen Lippen zuckte. Die Darstellerin warf sich herum und auf die Knie,
schlug mit den Fingerspitzen von rückwärts auf das unerhörte Maul, doch
ohne seinen Appetit zu dämpfen: denn nun machte es auch diese Finger zum
Naschwerk, das erst abgeleckt, dann ebenso verschlungen sein wollte, bevor sie das rosa
Fähnchen am letzten Zipfel zu fassen bekamen und aus dem zahnlosen Schlund
zupften, eine kokette Geburt, die der Lautsprecher mit furchtbarem Stöhnen
begleitete.
Auch auf der anderen Plattform hatte das Hinterteil, das die Runde machte, ein
Spektakel zu bieten, denn es wurde zur völligen Offenbarung gezwungen. Zwei
Hände hatten auf den Hinterbacken Halt gefaßt, und zwei Finger spreizten von
beiden Seiten erst die äußeren, dann die inneren Schamlippen so weit
auseinander, daß man es in der Tiefe von blutigem Leben zucken sah, die Wunde von
Natur.
Die Künstlerinnen hielten sich jetzt nicht mehr mit der Vortäuschung
ungehemmter Gier auf. Was sie boten, war der reine Anschauungsunterricht. Das Publikum
saß lautlos im dämmrigen Vorführraum wie eine gehorsame Schulklasse,
die sich nichts entgehen läßt. Einzelne Männer hatten sich sogar
vorgebeugt, während die Damen sich eher zurücklehnten, doch ohne den
geringsten Anschein von Verlegenheit.
Nun wurde das Hinterteil, umgedreht und aufgerichtet, wieder zum Unterleib, und das
Publikum bekam vorgeführt, wie man ihn zu behandeln hat, um ihm mit Tüpfeln
und Tupfen, Kreisen und Kneten einen Orgasmus abzugewinnen. Die Frauen verzogen
keine Miene dazu. Ihr Lächeln blieb arbeitslos. Sie hatten nur ein Gesicht zum
Studium anzubieten. Sie hätschelten und tätschelten den verzogenen Mund, bis
er zum zwinkernden Auge wurde, in das eine echte Träne trat. Am stärkeren Leib
ereignete sich das Phänomen zuerst, und der Seidenfetzen kam gerade recht, um die
Spur der Rührung abzuwischen. Am festeren und kleineren Leib zeigte sie sich noch
immer nicht, und seine Verrenkungen wirkten schon verzweifelt. Dafür aber entfuhr
das Ersehnte diesem Mundstück plötzlich in einem sichtbaren Strahl. Ein
livrierter Herr reichte frische Seide nach, damit sich die Darstellerin von ihrem
Überfluß reinigte; sie tat es eilfertig, ohne weitere Umstände. Die Musik
hatte sich zum Hintergrund verdünnt, die Frauen erhoben sich. Sie lächelten
artig, neigten den Kopf, verneigten sich deutlicher, als sich ein dünner Beifall erhob,
und huschten in die Kulissen davon.
Das Publikum, unsere Nachbarn mit Anzug und Krawatte, waren der Darbietung
aufmerksam gefolgt. Doch wirkten sie davon nicht sonderlich aufgeregt. Eher lag etwas wie
feierliche Spannung über den Tischen. Dabei fiel kein lautes Wort, erst recht kein
witziges, kein Lachen. Das teure Bier ist ausgetrunken, wir könnten gehen und
machen schon Miene dazu: da dreht der Lautsprecher wieder auf. Diesmal ist es eine
schwarze Frauenstimme, die ihr Baby lockt, und, nach ihrem Timbre zu schließen, darf
es nur der stärkste Mann sein.
Dazu erscheint, mit wippendem Stiefelschritt, die größere Silberblonde
wieder und läßt sich vom Lichtkegel einfangen, der ihr über die
Bühne folgt. Sie kommt, bis auf Strapse und Hüftbänderung, so nackt, wie
sie gegangen ist, nur glänzt die Haut nicht mehr von Schweiß. Vor das
Geschlecht hält sie sich an spitzen Fingern ein rotes Fetzchen Seide und
läßt es mit jedem Hüftschwung hin und her hüpfen, wie ein koketter
Torero die Muleta. Nun schwenkt sie es nach den Zuschauerköpfen, zwischen denen
sie auf die Brücke hinausschreitet, bis zur ersten Plattform, die zu leuchten beginnt,
als sie sich niederläßt, um die Lektion offenbar genau dort wieder aufzunehmen,
wo sie vor der Pause abgebrochen worden ist. Denn ohne Umstände öffnet sie
vor dem ersten Männerkopf ihre Grätsche, neckt ihn mit der Seide, zieht sie
über ihr Geschlecht, dann über sein Gesicht. Sie faßt ihn am Gelenk, so
daß er sein Glas loslassen muß, gibt ihm dafür das Tüchlein zu
halten, preßt seine Hand mit dem Tüchlein zusammen gegen ihre Scham, zupft
es ihm dann unter der ratlosen Hand weg und verhüllt sie, damit sie im Versteck
munterer werde. Ihre Hand schlägt auf seine, ohne daß sie sich rührte; jetzt
muß sie sich also selbst, indem sich ihre Hand über dem ganzen Packen
zusammenkrampft, den Angriff auf ihre Unversehrtheit besorgen. Plötzlich reißt
sie das Fetzchen weg, wie man ein Denkmal enthüllt; und in der Tat, die
Männerhand hat sich belebt und blättert selbsttätig am offenen
Fleisch.
Der Tisch, an dem der Mann immer noch sitzt, ist unruhig geworden. Die Gruppe starrt
auf einen ernsthaften älteren Herrn, Prokurist oder Personalchef, bis er ihr das
Zeichen gibt. Da springen die jungen Männer auf, ihre Arme hacken ein Stakkato, sie
bellen einen Singsang, der sich wie ein Abzählreim anhört und am Ende in ein
Hallo ausbricht. Viele Arme greifen nach einem Jüngling mit Brille und dichter
Haarkappe und heben ihn über den Rand des Laufstegs. Da steht er nun ganz
verlegen vor der Tänzerin, die den ersten Mitspieler entlassen hat und sich nach
hinten lehnt, um beide Arme für den neuen zu öffnen.
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