form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

wählen

»Jeder der Gegenstände des praktischen Gebrauchs ist für sich genommen zunächst einfach. Mit Ausnahme bestimmter Gegenstände, deren Aneignung mit einer großen finanziellen Belastung verbunden ist, weist er vordergründig auf keine besondere menschliche Problematik. Die Tasse zum Trinken, der Löffel zum Schöpfen, das Bett zum Liegen, der Kamm zum Kämmen. Aber als Ganzheit der Gegenstände eines Individuums objektivieren sie zugleich ein existentielles Drama. Der eine Gegenstand ist die Entsagung eines anderen. Das bedeutet im bestehenden Verhältnis nicht nur versagten tätigen Gebrauch und konkreten Genuß, sondern auch eine in den Gegenständen vorgestellte Differenz zu anderen Individuen. Die Gegenstände stehen für die Konflikte der in engerer Gemeinschaft lebenden Menschen, auch für ihren Zusammenschluß. Sie haben in ihrem Gegenstand schließlich nicht nur den Widerschein des so entsagten anderen, im besonderen, doch nicht im Ausnahmefalle, auch den des im Gegenstand versagten anderen Menschen. So steht er etwa für das zweite oder dritte Kind und zeichnet den Weg des Alten ins Altersheim. Der in seiner bloß technischen und praktischen Ästhetik erscheinende Gegenstand wirkt hier leicht zynisch, er verweigert nicht nur Erinnerungen, sondern erinnert an die Möglichkeiten eines anderen noch unerfüllten Lebens und — stört. Für die Faszination der Einfachheit des Praktischen ist noch kein dauerhaftes Organ gebildet. So tritt wieder das Verklärungszeichen, das Ornament, an den Gegenstand, hebt ihn vom Reich des Praktischen wenigstens etwas ab, weil sein Subjekt dort noch nicht ganz angekommen ist.«
Fraktal Lothar Kühne