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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: assimilieren
»Gesetzt den Fall, in Italien wäre mit der Detonation der Bomben (am 28. Mai 1974
in Brescia) der Faschismus wieder hergestellt worden, wäre dann irgendein
Neofaschist bereit gewesen, das Italien seiner scheinheiligen und hohlen Nostalgie zu
akzeptieren? Ein nicht-konsumistisches, sparsam haushaltendes und — wie er sich das
vorstellte — heroisches Italien? Ein Italien ohne Fernsehen und ohne Wohlstand? Ein Italien
ohne Motorräder und Lederjacken? Ein Italien, wo die Frauen noch Schleier tragen
und den ganzen Tag zu Hause eingesperrt sind? Nein: offensichtlich käme es selbst
dem fanatischsten Faschisten anachronistisch vor, auf all diese Errungenschaften des
›Fortschritts‹ zu verzichten. Der heutige Faschismus hat also nichts mehr mit seinem
traditionellen Vorläufer zu tun. Aber womit dann? …
Der Faschismus der Bomben ist … ein nomineller Faschismus ohne eigne Ideologie
(denn die wird neutralisiert durch die Qualität des realen Lebens dieser Faschisten)
und außerdem ist er künstlich erzeugt: er wird von denselben Mächten
gebraucht, die zuerst aus pragmatischen Gründen den traditionellen Faschismus und
die Kirche liquidierten (den Klerikal-Faschismus, der in Italien tatsächlich eine
kulturelle Realität war), dann jedoch beschlossen, diejenigen Kräfte weiter am
Leben zu erhalten, die sich — im Stile der Mafia oder eines Polizeikommissariats — der
kommunistischen Subversion entgegenstellen ließen. Die wahren Verantwortlichen
für die Massaker von Mailand und Brescia sind weder die jugendlichen Ungeheuer,
die die Bomben gelegt haben, noch deren finstere Hintermänner und Geldgeber. Es
ist deshalb unsinnig und rhetorisch, wenn man so tut, als trügen diese Jugendlichen
mit ihrem nominellen und künstlichen Faschismus irgendeine reale
Verantwortung. Denn die Kultur, der sie angehören und die eben die Elemente
für ihre Wahnsinnstaten bereit hält, ist — ich wiederhole — die des
allergrößten Teils ihrer Altersgenossen. Nicht nur für sie schafft sie die
unerträgliche Situation von Konformismus und Neurose — und folglich Extremismus
(der eben genau jener Sprengstoff ist, der aus der Mischung von Konformismus und
Neurose entsteht).
Wenn ihr Faschismus die Oberhand bekommen sollte, so wäre es … ein
Faschismus, der weitaus schlimmer als der alte, aber im Grunde doch etwas anderes ist.
Etwas, was bereits in unser Leben eingegangen ist und von den Faschisten auf erbitterte
und monströse Art gelebt wird; allerdings nicht ohne Grund. …
Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegenüber einem
unausgesprochenen Befehl. Jeder in Italien steht unter dem entwürdigenden Zwang,
so zu sein, wie die andern: im Konsumieren, im Glücklichsein, im Freisein; denn das
ist der Befehl, den er unbewußt empfangen hat und dem er gehorchen ›muß‹,
will er sich nicht als Außenseiter fühlen. Nie zuvor war das Anderssein ein so
schweres Vergehen wie in unserer Zeit der Tolerenz. Denn die Gleichheit ist hier nicht
erkämpft worden, sie ist eine ›falsche‹, eine geschenkte Gleichheit. … «
»Es ist (die) grenzenlose, vornationale und vorindustrielle bäuerliche Welt, die bis
vor wenigen Jahren überlebt hat, der ich nachtrauere (nicht umsonst weile ich so
lange wie möglich in den Ländern der Dritten Welt, in denen sie noch
überlebt, obgleich auch die dritte Welt nun in die Bahn der sogenannten Entwicklung
eintritt).
Die Menschen dieses Universums erlebten weder ein ›Goldenes Zeitalter‹, noch
hatten sie etwas mit dem ›guten alten Italien‹ zu tun. Sie lebten das Zeitalter, das Chilanti
das Zeitalter des Brots genannt hat. Sie waren Konsumenten von unbedingt notwendigen
Gütern. Das war es vielleicht, was ihr armes und prekäres Leben so notwendig
machte. Es ist klar, daß überflüssige Güter das Leben
überflüssig machen (um das abschließend ganz elementar zu sagen).
Ob ich diesem bäuerlichen Universum nachtrauere oder nicht, bleibt letztlich
meine Angelegenheit: Aber das soll mich keineswegs hindern, an der gegenwärtigen
Welt, so wie sie ist, Kritik zu üben. Im Gegenteil, diese Kritik wird um so
durchdringender sein, je mehr ich mich von dieser Welt gelöst habe und nur noch
stoisch in ihr zu leben ertrage.
Ich habe behauptet und ich wiederhole: die kulturelle Durchdringung der Welt durch ein
konsumorientiertes, alles assimilierendes Zentrum hat die verschiedenen Kulturen der
Dritten Welt zerstört (ich spreche hier noch im Weltmaßstab und ich beziehe
mich daher auf die Kulturen der Dritten Welt, denen die bäuerliche italienische Kultur
im Grunde gleicht). Das Kulturmodell, das den Italienern angeboten wird, ist nur ein
einziges. Die Angleichung an dieses Modell erfolgt vor allem im Gelebten, im Existentiellen,
infolgedessen im Körper und im Verhalten. Hier werden bereits die Werte der neuen
Kultur der Konsumzivilisation gelebt, das heißt des neuen und repressivsten
Totalitarismus, den man je gekannt hat — auch wenn diese Werte noch nicht ganz ihren
Ausdruck gefunden haben. Vom Standpunkt des sprachlichen Ausdrucks reduziert sich die
gesamte Sprache auf eine Sprache der Mitteilungen, mit einer enormen Verarmung des
Ausdrucks. Die Dialekte (die Muttersprachen!) sind fern in Zeit und Raum: die Söhne
sind gezwungen, sie nicht mehr zu sprechen, denn sie leben in Turin, Mailand oder in
Deutschland. Wo man sie heute noch spricht, haben sie ihre erfinderische Kraft verloren.
Kein Junge aus den römischen Vororten wäre heute noch im Stand, zum
Beispiel den Dialekt meiner Romane, die ich vor zehn, fünfzehn Jahren schrieb, zu
verstehen. Ironie des Schicksals, er müßte wie ein ordentlicher Bürger aus
dem Norden das beigefügte Glossarium benutzen.«
Fraktal Pierre Paolo Pasolini
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