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Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

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»1844 gründeten der Naturforscher Humboldt, der romantische Landschaftsgärtner Lenné und der Zoologe Lichtenstein im Tiergarten den Zoologischen Garten Berlin. Es war der erste Zoo Deutschlands und der neunte der Welt. Die Zwinger baute man damals extrem eng und übertrieben robust, um die Gefährlichkeit der Insassen deutlich zu machen. Äußerlich waren die Gebäude umso prachtvoller. Die exotischen Tiere hausten in bizarren Backsteintempeln und Moscheen, die verziert waren wie Schwarzwälder Creme-Torten. Die Anstalt begann mit knapp 200 Tieren. Aber schon zwei Jahre nach der Eröffnung war man sich des Tierbestandes so sicher, daß die Aktionäre des Zoos bei einem Dinner einen exotischen Zebu-Ochsen verspeisten. Schließlich wollte man die Tiere ja nicht nur ansehen, sondern auch wissen, wie sie schmecken. ... Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Industrieländer die Welt aufzuteilen begannen, stellte man ungeniert auch fremde Menschen aus: Im Zoo kamen die ›Völkerschauen‹ in Mode. Sechs Eskimos machten den Anfang, hübsch garniert mit Pinguinen. Danach stellten sich 17 Nubier ›vom blauen Nil‹ der gefälligen Betrachtung. Ausgiebig kommentiert von der bekannten ›Berliner Schnauze‹ sollten sie im Afrika-Gehege ihr Stammesleben vorspielen. Präsentiert wurden die ›Wilden‹ vom stolzen Zoo-Direktor Bodinus, der — mit Zylinder und gewichstem Schnauzbart ohnehin schon respektabel anzusehen — seine Zigaretten mit einer Spitze aus einem hohen Flamingobein zu rauchen pflegte. Die Tradition der Völkerschauen hielt bis in die zwanziger Jahre an. Man zeigte Beduinen, Tamilen, ›Nautschmädchen‹, präsentierte sie beim Teppichknüpfen, beim Elfenbeinschnitzen, beim Schlangenbeschwören und natürlich beim Nackttanzen. Eine Gruppe von ›Lippennegern‹, die ihre Lippen kunstvoll zu tellergroßen Gebilden vergrößern, holte Zoodirektor Heck höchstpersönlich vom Bahnhof ab, um sie während des Weitertransports in den Zoo sorgfältig mit Tüchern zu verhüllen. Niemand sollte ihren Anblick umsonst genießen können. …

Noch bevor die ersten englischen Bomber über Deutschland zogen, verlangten die Sicherheitsbehörden der Nazis von den meisten Zoos, ihre größeren Raubtiere zu erschießen. Nur der Berliner Zoo konnte den Magistrat mit der Versicherung beruhigen, entkommende Tiere von Kleinstbunkern aus immer noch rechtzeitig erledigen zu können.

Der 22. November 1943 brachte die schlimmste Bombennacht für den Zoo. Überall brannte es — weil die Wasserleitungen zerschossen waren, konnte man nicht löschen. Brüllende Tiere irrten verstört durch die Flammen, verletzte verendeten mit fürchterlichen Schmerzen. Eine Giraffe lag mit zerschlagenen Beinen am Boden. ›Veterinärtrupps‹ hatten noch tagelang damit zu tun, tote Elefanten und andere Großtiere an Ort und Stelle zu zerlegen. Glück im Unglück: Wie nach jeder Bombennacht hatten die Zooangestellten auch jetzt wieder genug zu essen. Glücklich auch die Tiere, die noch ihren Käfig hatten. Die obdachlos gewordenen Zwergflußpferde hausten in der Herrentoilette der S-Bahn, während der Gorilla in einer provisorisch zusammengezimmerten Bretterbude frieren mußte. Am 25.12.43 fiel die letzte Bombe auf den Zoo. Sie traf genau das Haus des Direktors.

Nach den Bomben kamen neue Schrecken. Plötzlich verlief die ›Ostfront‹ durch den Zoo. Soldaten errichteten Schützengräben, Artilleriefeuer peitschte durch Häuser und Stallungen. Unter Lebensgefahr versorgten die Wärter ihre Tiere während der Gefechtspausen. Im Nahkampf bajonettierte ein durchgedrehter Soldat den Gorilla aus Spaß durch die Gitterstäbe hindurch.

Als die Geschütze schwiegen und russische Soldaten den Zoo besetzten, zählte man zwischen Hunderten toter Tiere 82 menschliche Leichen. Doch auch der Tod verwischte ihre Unterschiede nicht: Während die einen zum Abdecker kamen, wanderten die anderen ins Grab. 91 Tiere hatten das Inferno überlebt. Zwei von ihnen, das Flußpferd Knautschke und der Schimpanse Johnny, leben auch heute noch im Berliner Zoo. Alt und greis ist er geworden, der Johnny. Mit 42 Jahren ein Methusalem für einen Schimpansen. Allein sitzt er in seinem gähnend großen Kachelkäfig und schaut stundenlang auf denselben Fleck. Wenn er plötzlich aufschaut und seinen Betrachter wie zufällig durch die Panzerglasscheibe anstarrt, dann scheint es, als wolle er absichtlich nichts sehen. So nichtig kann sich ein Mensch nicht mal vor den Sachbearbeitern des Sozialamtes fühlen, wie vor dem gleichgültigen Blick dieses seit langem zum Tod bereiten Affen. …

Heute ist der Berliner Zoo der artenreichste der Welt. Sein Direktor Heinz-Georg Klös ist insofern der legitime Nachfolger Noahs, dem Gott befahl: ›Von allem Getier sollst du je ein Paar in die Arche führen, um sie am Leben zu erhalten.‹ Kormorane und Karakale. Königsgeier und Kaiseradler, Lärmvögel und Lockengänse, Riesengrundel und Zwergmaras, Pfeifenten und Singschwäne, Gürteltiere und Brillenkauze, Mongozmakis, Siamangs, Tragopane, Plumploris und Muntjaks — sie und tausend andere hausen zwischen Europacenter und Landwehrkanal, Hilton und Bahnhof Zoo. 1500 Arten in 10800 Individuen mit einem Handelswert von rund 3,2 Millionen Mark. 320 Mitarbeiter sorgen sich um die Tiere, darunter 3 Tierärzte und 6 Zoologen.

Die Tiere aus den Savannen, Dschungeln und Wüsten der Welt auf 30 Tiergartenhektar zu halten, ist nicht eben leicht. Manchmal braucht es zwar nur eine Fototapete und ein paar dürre Zweiglein, um Tieren und Besuchern eine natürliche Umgebung vorzugaukeln. Oft aber müssen komplizierte Maschinerien für die bitter notwendigsten Lebensbedingungen der Tiere sorgen. Je natürlicher die modernen Zoogehege anzusehen sind, desto gewaltiger ist meist der dahinter verborgene technische Aufwand, desto höher der Verbrauch an Pestiziden und Fungiziden.

Im Aquarium sorgt ein gigantischer Apparat für die richtigen Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht, für Wasserreinheit und Wasserhärte und die angemessene Luftfeuchtigkeit. Den arktischen Königspinguinen kann man die Berliner Luft nur gefiltert zumuten, im Nachttierhaus tauscht man den Tag gegen die Nacht und für die Kolibris verlängert man die kurzen Wintertage per Neonlicht: Die unermüdlich herumschwirrenden Winzlinge würden verhungern, wenn sie nicht mindestens vierzehn Stunden lang fressen — bei Tageslicht.

Bis man die notwendigsten Merkmale eines artgerechten Biotops findet, lassen Tausende von Kreaturen ihr Leben oder bringen es lustlos und verkümmert hinter sich. Noch immer weigern sich viele Wildtierarten, im Zoo Nachkommen zu zeugen, geschweige denn, sie großzuziehen. ›Da hilft nur, zu experimentieren‹, sagt der Leiter des Aquariums Dr. Lange. Wie das geht, machte der große Charles Darwin vor: Er zog eine gebärende Flußpferdstute immer wieder an Land, wo das Neugeborene nach kurzer Zeit starb. Er traute dem Tier nicht zu, daß es von allein weiß, wie es Junge auf die Welt zu bringen hat. Falls eine Nachzucht nicht gelingt, holen sich die zoologischen Gärten die Tiere noch immer aus freier Wildbahn, bisweilen auch unter Mißachtung des Washingtoner Artenschutzabkommens.

Ein Frankfurter Gericht verurteilte kürzlich den Duisburger Zoodirektor Gewalt zu einem Bußgeld von 2500 Mark, weil er Delphine ohne Genehmigung aus den Gewässern um das Kap Horn entführt hatte. Von den sechs Meeressäugern ist übrigens nur noch einer am Leben. ...

Viele Menschen stimmt ein Zoobesuch traurig. Einen Adler, der so etwas wie ein König der Lüfte sein soll, am Maschendraht betteln zu sehen, trägt nicht gerade zur Heiterkeit bei. Und selbst über die komödiantischen Kunststücke der Schimpansen, die für sich künstliche ›Überraschungen‹ inszenieren, damit sie an ihrer angeborenen Intelligenz nicht irre werden, können viele nicht mehr herzhaft lachen.