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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Zirkulation
Seine Fähigkeiten, die Natur zu übertrumpfen, erlangt der Mensch am
Verstehen seines sozialen Austausches. Das trifft die alte Idee der Mimesis, der
Nachahmung von Natur, das trifft die als modern gehandelte Fähigkeit zur
Konstruktion. Das mimetische Verhalten, die Idee, Abläufe der Natur nachzuahmen
und zu vollenden — ist diese Idee nicht der Selbstbeobachtung entsprungen, die die eigene
Geste auf den anderen Menschen hat? Entstammt nicht die Idee des Götteropfers der
Beobachtung, man könne sich den anderen Menschen geneigt machen, indem man
ihn besticht? Was ist Mythologie anderes als idealisierte menschliche
Kommunikation?
Aber woher kommen die Fähigkeiten, statt nachahmend und kopierend,
konstruktiv der Wirklichkeit zu begegnen? Woher stammt das Vermögen, statt ins
Gegebene sich zu fügen, Formeln über die Gegenstände herrschen zu
lassen, aus einer elementarisierten Welt eine künstliche zu generieren?
Als Hannes Meyer die Neue Welt beschreibt, um an ihr die Grundlagen des
Konstruktivismus wahrzunehmen, spricht er von Automobil, Schiff, Flugzeug, Telegraphie
(drahtgebundener und drahtloser), von Zeitung und Reklame, von Phonograph und von
Revue — alles Bestandteile der modernen Massenkommunikation. Entspringt die
Konstruktivität des modernen Daseins dieser zirkulären, alles verwechselnden,
alles miteinander gemein machenden Sphäre? Ist die Konstruktivität der
Formen, der Gedanken und schließlich des Bewußtseins und des Entwurfs
bloß eine Funktion der Zirkulation von Waren, jener archaischen Form von
Information?
»Schon auf der zweiten Weltausstellung 1855 in Paris ist eine Abteilung Fotografie
eingerichtet und sehr schnell wächst sich das fotografische
Vergegenwärtigungsmaterial zu einer optischen Kultur aus, welche die orale
verdrängt. Fotograf sein heißt Schaulustiger sein. Die Person verwandelt sich
aber in einen Schauarbeitenden, der Schaulust-Befriediger herstellt, welche anderen
Schaulustigen die Mühe abnehmen, vor Ort zu gehen. Bildbeweise des Fernen und
Fremden werden transportabel, allegorische Formen treten zugunsten dokumentarischer
Bildnisse zurück. Dabei taumeln Fotografen zwischen illustrierender Begleitung der
Realität und entdeckender Neugier, zwischen lyrischer Verdoppelung und
Tatortdarstellung. Neue Standpunkte werden eingenommen, wie etwa von Nadar mit seinen
Luftbildaufnahmen von 1856 aus dem Ballon oder seinen Bildern von den Pariser Kloaken,
sie zeigen entweder vorher nicht Sichtbares oder aber dem Blick Entzogenes.
Das Dokumentarische ist das Mißtrauen gegen den bisherigen Realismus, es ist
auch die Umstrukturierung der bisherigen Nachrichtenform, Ersatz einer bislang
erzählerisch produzierten Wirklichkeitsbeziehung durch eine andere. Aber erst die
Entwicklung kurzer Belichtungszeiten durch neue technische Konstruktionen des
Verschlusses und der Blende sowie neuer chemischer Träger wandelt die
Wirklichkeitsbeziehungen tatsächlich grundlegend um, ein Vorgang, der innerhalb von
60 Jahren stattfindet: Schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts ist die
Belichtungszeit auf 1/1000 Sekunde gesunken, der Schnappschuß ist kein Problem
mehr. Jetzt macht das Objektiv wirkliche Ent-deckungen, die technische Mimesis entbirgt
neue Momente der Realität, die das menschliche Auge allein nicht wahrnehmen kann,
zunächst bewiesen in den Reihenaufnahmen von Muybridge, der Bewegungsabfolgen
von Menschen und Tieren abbildet und damit kontinuierlich verlaufende Prozesse
analysierbar macht. Seine Phasenbilder zeigen eine neue Zeiterfahrung, es sind
sozusagen sinnlich-statische, geronnene Formen der Zeitstreckung, die sonst nur im
Traum erlebbar ist. Die in Phasen fragmentierte Bewegung, ihre Zergliederung ist also nicht
mehr bloß die Festsetzung, die Verdoppelung eines Unbewegten, sondern die
Rekonstruktion eines Bewegten als gereihtes Unbewegtes, als etwas, das sich
mindestens potentiell wieder zusammensetzen läßt. Solche
Bewegungsfotografie hilft der Malerei, beispielsweise schult Degas sein Auge an den
Phasenbildern. Aber dies wird nicht die bedeutendste Seite fotografischer Zerlegung
werden, die entsteht vielmehr in der Verbindung mit den Naturwissenschaften und der
Ökonomie. Als technische Form für solche Aufnahmen baut sich Marey ein
fotografisches Gewehr und zeichnet damit die Bewegung der Schwingen eines fliegenden
Vogels mit hoher Genauigkeit auf, ein Triumph seiner fotografischen Methode.
Jahrelange zielgerichtete Forschung im chemischen Labor hatte ein rollbares
Filmmaterial ergeben und ermöglichte die Konstruktion und Herstellung der
Kodak-Box durch Eastman im Jahre 1900. Ihr neues Prinzip beruhte auf der einfach zu
bedienenden Kamera und auf einem eingelegten Rollfilm. Die Kamera samt belichtetem
Film wurde an Eastman zurückgeschickt, binnen kurzem erhielt man eine neue
geladene Kamera zurück. Fotografieren war damit dem Spezialwissen der
Fotografen entzogen, weil die Entwicklung des Films und die Herstellung von Abzügen
industrialisiert worden war. Die jetzt massenhaft fotografierenden Amateure mußten
sich nicht experimentell in die Chemie der Fotografie einarbeiten und den Berufsfotografen
das Spezialwissen von Entwicklung, Belichtung und Fixierung entziehen oder bei ihnen in
die Schule gehen, das alles brauchte sie nicht zu interessieren. Es genügte, sich
durch einfache Bezahlung ins Verhältnis zur Eastman Fotoindustrie zu setzen. Eine
solch einfache Bedienung der Kamera und das einfache Bedientwerden bei den
Nachfolgeprozessen ist die Voraussetzung für die massenhafte Verbreitung des
Fotografierens. Die technische Neuerung und die Begeisterung, mit der sie als
Unterhaltungsform aufgenommen und praktiziert wird, verunsichern die Welt, kein Stativ und
keine große Apparatur weist mehr darauf hin, daß fotografiert wird: Jeder
muß darauf vorbereitet sein, unvorbereitet und ungefragt fotografiert zu werden. Aber:
Das Medium taugt nicht nur fürs Neckische.
Die wissenschaftliche Durchdringung der konkret-nützlichen Arbeit hält
schon im 19. Jahrhundert in den neuen und großen Industrien nicht mit der
technischen Revolutionierung der Produktionsinstrumente Schritt, zu Beginn des 20.
Jahrhunderts wird die Differenz unübersehbar, buchhalterisches Denken fordert deren
Beseitigung. Es galt, die Instrumente der Wissenschaft auf die Subjekte während der
Arbeit zu richten — die Individuen allerdings hielten nicht immer still, und konkrete Arbeit ist
zunächst flüssig, in Bewegung, nicht ohne weiteres mit bloßem Auge
faßbar. Der Amerikaner Gilbreth, der sich für Bewegungsstudien bei der
Arbeitsanalyse interessierte, verstand wohl, daß die Erfindung von Marey zur
Aufzeichnung von Bewegung geeignet war; dessen eher interesseloses Verwenden der
Kamera konnte er nur als Verschwendung verstehen. Sie war zudem in der ersten Phase
insofern naiv, als für Marey der Gegenstand, den er darstellen wollte, gegeben war
und er seine Apparatur diesem Gegenstand gemäß konstruieren mußte.
Erst in einem zweiten Schritt baute er die Gegenstände um, verwandelte die
aufzunehmende Realität in eine Art Laborsituation: Menschen wurden an
verschiedenen Körperpunkten mit periodisch aufleuchtenden Lämpchen
ausgestattet und schwarz angezogen, um ihre Körper nicht als störende Spur
auf dem belichteten Film zu haben, weil nur ihre Bewegung sichtbar gemacht werden sollte.
Bei offener Blende und stehendem Film ergibt dann die Bewegung eine grafische Linie, die
sich, über einen längeren Zeitraum auf demselben Film aufgenommen, zu einer
typischen Leuchtspur verdichtet, ähnlich jener auf Fotos, die mit langer Belichtungszeit
eine befahrene Autostrasse bei Nacht aufgenommen haben. Inwiefern Künstler
dieses Jahrhunderts, die sich mit der Verwandlung des zeichnerischen Duktus zur
sichtbaren rhythmischen Linie beschäftigt haben, jene Arbeiten kannten, ist eine
offene Frage, auszuschließen ist es nicht. Gilbreth unterschied sich nun von Marey
erheblich, insofern er die naive Freude an der Darstellbarkeit von Bewegung zur Grundlage
einer Arbeitsanalyse machte; die schwarz angezogenen und mit den periodisch
leuchtenden Lämpchen ausgestatteten Menschen wurden ihm eine Art
Leuchtspurmunition. Und wie bei der Leuchtspurmunition lag sein Ziel bei der
Sichtbarmachung der Spur nicht mehr im Zeigen, nicht mehr in der Darstellung, sondern in
der Korrektur. Das ging aber nicht direkt, denn seine frühe Aufnahmetechnik ergab
zwar eine typische Linie der Bewegung, sie war aber wegen der Flächigkeit der
Aufnahme nicht analysierbar, denn die reale Bewegung findet in vier Dimensionen statt, ein
einziges Bild kann aber nur drei eindeutig abbilden, es fehlt für das Interesse von
Gilbreth zunächst stets die geometrische Tiefendimension. Deshalb baut er die
Aufnahmeapparatur so um, daß am besten drei Filme in jeweils rechtwinklig
zueinander stehenden Ebenen liegen. Damit erfolgt die Abbildung simultan auf diesen drei
Ebenen, und bei laufender Uhr ist jeder Punkt der aufgezeichneten Lichtspur räumlich
eindeutig bestimmbar. Diese aufgezeichneten Bewegungen verwandelt Gilbreth nun in
dreidimensionale Hilfsmodelle aus Draht. Sie sind nicht zum Herzeigen, sondern zur
Bearbeitung aufgebaut, denn an diesen Drahtgebilden modelliert er, nimmt er
Vereinfachungen vor, ähnlich verfahrend wie die Naturwissenschaftler, die
gemessene Ergebnisse in einer Kurve idealisieren, um mathematisch ausgedrückte
Funktionen und Gesetze zu formulieren. Jedes Abschweifen von der kürzesten Linie,
jedes Ornament der Kurve, jede Schleife erscheint ihm als unsinnige Bewegung, als
Verausgabung von Kraft, als Vergeudung, nicht als Zwischenruhe, nicht als Kompensation
und auch nicht als kurzzeitige, integrale Regeneration der Arbeitenden. Er begradigt. Die
konstruierte bildhafte Sparsamkeit erschlägt die möglicherweise wirkliche, die
ein weniger sparsam aussehendes Bild ergab. Spätestens hier endet die Analogie
zur naturwissenschaftlichen Idealisierung, deren Absicht in der Erkenntnis und der
Formulierung von Funktionen, von Zusammenhängen liegt, denn bei Gilbreth findet
sich schon der Umschlag in die instrumentalisierte Praxis: er projiziert die
gegenständlich erdachten, die gebogenen Bewegungsbilder auf die menschliche
Bewegung zurück und fortan werden Arbeitsabläufe ein Nachvollziehen, ein
Nachmachen der durch ihn vereinfachten Bewegungen. Die ausgedachten
Bewegungskurven treten den Arbeitenden als Arbeitsanweisung und als Vorschrift
gegenüber, oft gekoppelt mit einem Lohnsystem. Die Verkehrung, in welcher der
äußerliche Effekt der Bewegung sozusagen auf sie selbst
zurückschlägt, liegt auch in der spezifischen Auffassung der technischen
Mimesis, die vergißt, daß nicht nur der Gegenstand konstruktiv in das Resultat
eingeht, sondern außerdem die Konstruktionen, mit deren Hilfe Resultate erzielt
werden sowie die Position des Experimentators. Solche Re-Organisation der Bewegung hat
offensichtlich nicht mehr die tatsächliche menschliche Bewegung zur Grundlage,
sondern das bearbeitete Modell eines aus ihr gewonnenen Bildes einer Bewegung.«
Fraktal Chup Friemert
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