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| | Fünf Ebenen eines Augenblicks: Zufall
Unfälle sind Ereignisse modernen Zuschnitts, sie brauchen eine Struktur, in
der sie Versagen auslösen können. Die Natur ist nicht ein solcher Raum. Was
hier sich ereignet, mag Zufall sein, oder, auf den Menschen bezogen, auch Schicksal, nicht
aber Unfall. Unfall ist eine Eigenschaft künstlicher Systeme. Mit einer gewissen
Berechtigung kann man sogar behaupten, durch die Unfälle geben sich die Systeme
zu erkennen, tauchen sie aus der Selbstverständlichkeit, die sie in ihrem
reibungslosen Funktionieren gewonnen haben, auf. Unfälle sind Signifikanten der
Systeme, ihre soziale Repräsentationsform. Heute würde testamentarisch
werden der Spruch: ›An den Unfällen sollt ihr sie erkennen.‹
»In den Vereinigten Staaten ... hat sich ... etwas sehr Merkwürdiges zugetragen. ...
Irgendwo im Winkel eines Geräteteiles eines Geräteteiles eines
Geräteteiles des gigantischen und vielschichtigen Netzes, zu dem die Geräte
zusammengewachsen waren — in irgendeinem winzigen Winkel hatte es, denn Irren ist
nicht nur menschlich, eine winzige Panne gegeben. Nein, keine winzige; denn was
heißt ›winzig‹ bei solchen Konsequenzen? Durch diese Panne bewiesen nun
tausende von Maschinen, daß sie keine Maschinen mehr waren, sondern ... nur noch
Maschinenteile. Was sich positiv als Kollaboration zahlloser Maschinenteile in Form eines
›Netzes‹ verwirklichte, bedeutete zugleich negativ, daß jeder Maschinenteil von jedem
anderen, also auch von der Fehlleistung jedes anderen Maschinenteils, abhing.
Plötzlich erlitt, weil in einem einzigen Teil eine Panne eingetreten war, das ganze Netz
eine Panne; plötzlich zeigte es sich, daß der den Maschinen ›eingeborene‹
Expansionsdrang, das Zusammenwachsen der Einzelmaschinen zu Maschinenkomplexen,
zugleich auch eine Steigerung der Bedrohung jeder einzelnen Maschine, richtiger: jedes
einzelnen Maschinenteils, zur Folge hatte. ...
Auf Grund der in irgendeinem Nebenwinkel des Netzes stattfindenden Panne — ich
beschränke mich hier, obwohl das Areal des Versagens sehr viel breiter war, auf die
Schilderung von New York — saßen nun plötzlich Hunderttausende von
Menschen in den Subway-Katakomben fest, in den IRT und BMT Cars, in Waggons, die nun
dastanden wie Steine oder wie Tische, und die niemals davon gehört zu haben
schienen, daß sie noch bis eben als mobile Objekte gegolten und sich als solche
auch bewährt hatten. Andere Zeitgenossen, ebenfalls Tausende, hingen,
während die Straßenschluchten unten sich ungewohnt verschatteten, in
paralysierten Fahrstühlen zwischen dem 100. Stockwerk und dem Asphalt, Alpinisten
gleich, die sich zwischen Himmel und Erde damit abfinden mußten, auf jenem Gesims
in halber Höhe, auf das sie sich verstiegen hatten, nun weiter auszuharren. Millionen
Liter Milch in angeblichen Kühlschränken wurden, gleich ob es Babys gab oder
nicht — denn die Gültigkeit der Physik hat den Vorrang — sauer. Operationssäle
versanken im Dunkel, ohne Rücksicht darauf, ob da gerade ein Herzstich
vernäht werden sollte oder nur eine Fingerwunde. Rechenapparate weigerten sich,
gleich ob es sich um Grocery Pennies oder um Millionen handelte, Tageseinnahmen zu
addieren. Filme erstarben auf ihren Screens, selbst die Bilder von Leichen erstarben. Und
hätte gerade einer, ein zum Tode Verurteilter, auf einem elektrischen Stuhle
gesessen, er hätte — es ist gar nicht auszudenken — stundenlang thronen
können als Pannengewinnler und schauriger Triumphator dieser gespenstischen
Nacht. Kurz: Der ungeheure, elektrisch zusammengeschlossene Komplex der Riesenstadt
schien plötzlich nichts anderes mehr als ein gigantisches Gebirge von Millionen
Pop-Art-ähnlicher, völlig bewandtnisloser und nur ›for the hell of it‹ erzeugter
Imitationen von Gebäuden, Maschinen und Einrichtungen. Plötzlich stellte es
sich heraus, oder (denn gewußt hatte man das natürlich) plötzlich wurde
es jedermann aufs schrecklichste klar, daß es keinen Apparat mehr als individuellen
Apparat, keine Maschine mehr als individuelle Maschine gab. Die als avantgardistisch und
sinnlos verhöhnte Formel der Gertrude Stein ›A rose is a rose is a rose‹ — nahm hier
plötzlich Sinn an, weil sich nämlich herausstellte, daß sie nicht mehr galt,
daß Kühlschränke keine Kühlschränke mehr waren,
Untergrundbahnen keine Untergrundbahnen, Glühbirnen keine Glühbirnen
mehr. Nichts mehr war es selber, weil jedes Stück so ausschließlich zum
Ableger der Zentrale geworden war, daß jedes, wenn die Zentrale ausfiel, seinen Sinn
mitverlieren mußte. Oder — und diese Formulierung ist nicht minder
rechtmäßig — weil jeder ›Ableger‹, da nicht nur er von allen andern abhing,
sondern auch alle andern von ihm abhingen, zur Zentrale des Netzes geworden war.
Gleichviel, plötzlich wurde es für jedermann deutlich, daß der
Hoffnungstraum der Maschinen, einmal zu einer einzigen Totalmaschine
zusammenzuwachsen, uns nicht nur mit Hoffnung erfüllen darf, sondern auch mit
Schrecken erfüllen muß.
In anderen Worten: Als das Kraftwerknetz zusammenbrach, hat sich gezeigt, daß
der Prozeß der Expansion, da er, und zwar in ständig steigendem Maße, die
Gefahr eines Stillstandes oder einer Peripetie in sich birgt, nicht einfach
gleichmäßig und gleichartig, gewissermaßen in immer weiter sich
ausbreitenden konzentrischen Kreisen, fortschreiten darf. Proportional mit dem Anwachsen
der Maschine zur Großmaschine, mit dem Anwachsen der Großmaschine zum
Großmaschinen-Komplex und mit dem Anwachsen des
Großmaschinen-Komplexes zu einem ganzen Netz von Komplexen — proportional
damit wächst auch die Gefahr des Versagens, sogar die der Katastrophe. Solange
eine Maschine vergleichsweise isoliert arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie von
den Defekten anderer Maschinen infiziert wird (oder daß sie andere Maschinen mit
ihren Defekten infiziert), viel geringer als dann, wenn sie mit den anderen verzahnt ist. Das
Versagen eines einsamen Gerätes bleibt relativ folgenlos. Hängt aber vom
Funktionieren eines Geräteteils I das Funktionieren eines größeren
Geräteteils II ab und von dessen Funktionieren das des wiederum
größeren Geräteteils III usf., dann steigt auch die Gefahr, die jedes
einzelne Stück, als möglicherweise ein versagendes, in sich birgt. So
unbestreitbar es sein mag, daß der Geräteteil I vom Ganzen: von der
Größt- oder Totalmaschine, in die er integriert ist, abhängt, daß die
jedem kleinsten Stück innewohnende Chance der Sabotage um so größer
wird, je größer das Ganze ist, dessen Teil er ist. ...
Die elektrischen Züge liefen nicht. Wohl aber die Autos. Was bedeutet das?
Offensichtlich, daß die Maschinen um so verläßlicher waren, je
deutlicher sie noch als ›Individuen‹ funktionierten, je weniger sie auf kontinuierlichen
Anschluß an andere Maschinen angewiesen waren. Ich sage aber: ›auf
kontinuierlichen Anschluß‹, weil selbstverständlich auch die Autos keine
unabhängigen Apparate, vielmehr auf das Tanken angewiesen sind, weil sie also ihre
›Selbständigkeit‹ der Maschinerie der Gasolinversorgung verdanken und nur
vorübergehend zwischen Tanken und Tanken, ›selbständig‹ sind. Das ist
freilich nicht nichts, denn der Zusammenbruch der Tankstellen (etwa durch Streik)
hätte ja nicht den unmittelbaren Funktionszusammenbruch der Einzelmaschine zur
Folge, diese Maschinen können ja den Tankstreik unter Umständen, wenn
dieser nämlich nur kurz währte, überdauern.
In andern Worten: Während die Eisen- und Untergrundbahnen gelähmt
herumstanden und darauf warteten, wieder zu Maschinenstücken und dadurch auch
wieder funktionstüchtig zu werden, liefen die ihre eigenen Kraftreserven mindestens
für kurze Zeit selbst mit sich tragenden Autobusse und Personenwagen weiter, so als
wäre nichts geschehen. Wie gesagt, damit ist keineswegs gemeint, daß es zwei
grundsätzlich voneinander verschiedene Typen von Apparaten gebe. Nicht, daß
die einen nur als Apparatteile eines ungeheuren Zentralapparates arbeiten, während
die anderen, z. B. die Autos, autarke Wesen und ausschließlich auf sich selbst
angewiesen wären, also derartigen Katastrophen wie dem Zusammenbruch des
Kraftwerknetzes sorgenlos entgegensehen könnten. So einfach ist die Sache nicht.
Ohne ein Netz der Zulieferung, das seinerseits wiederum abhängt von Importen, die
ihrerseits wieder abhängen von Ölgewinnungen, die ihrerseits wiederum
abhängen von politischen Machtkonstellationen — ohne all das wäre
natürlich kein einziges Auto an jenem dunklen Abend in der Lage gewesen, ›aus
eigener Kraft‹ und autark weiter zu laufen, während die elektrischen Züge zum
Stillstand verurteilt waren.
Aber eine Einsicht ist aus diesem Unterschied doch zu gewinnen:
... Der Großapparat, an den die individuellen Apparate so angeschlossen sind,
daß sie nur noch die Rolle von Geräteteilen spielen, hat, so lange er funktioniert,
jedem dieser Apparateteile eine eiserne Ration mitzugeben, eine
Überbrückungsration, die so lange vorzuhalten hätte, als er, der
Großapparat, ausfällt. — Oder anders: Die Zentrale hat für die
mögliche Notsituation der Dezentralisiertheit, in die sie geraten kann, Vorsorge zu
treffen: sie hat stets so zu funktionieren, daß sie sich, mindestens
vorübergehend, überflüssig macht.«
Fraktal Günter Anders
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