form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




Fünf Ebenen eines Augenblicks:

Zufall

 

Unfälle sind Ereignisse modernen Zuschnitts, sie brauchen eine Struktur, in der sie Versagen auslösen können. Die Natur ist nicht ein solcher Raum. Was hier sich ereignet, mag Zufall sein, oder, auf den Menschen bezogen, auch Schicksal, nicht aber Unfall. Unfall ist eine Eigenschaft künstlicher Systeme. Mit einer gewissen Berechtigung kann man sogar behaupten, durch die Unfälle geben sich die Systeme zu erkennen, tauchen sie aus der Selbstverständlichkeit, die sie in ihrem reibungslosen Funktionieren gewonnen haben, auf. Unfälle sind Signifikanten der Systeme, ihre soziale Repräsentationsform. Heute würde testamentarisch werden der Spruch: ›An den Unfällen sollt ihr sie erkennen.‹

»In den Vereinigten Staaten ... hat sich ... etwas sehr Merkwürdiges zugetragen. ... Irgendwo im Winkel eines Geräteteiles eines Geräteteiles eines Geräteteiles des gigantischen und vielschichtigen Netzes, zu dem die Geräte zusammengewachsen waren — in irgendeinem winzigen Winkel hatte es, denn Irren ist nicht nur menschlich, eine winzige Panne gegeben. Nein, keine winzige; denn was heißt ›winzig‹ bei solchen Konsequenzen? Durch diese Panne bewiesen nun tausende von Maschinen, daß sie keine Maschinen mehr waren, sondern ... nur noch Maschinenteile. Was sich positiv als Kollaboration zahlloser Maschinenteile in Form eines ›Netzes‹ verwirklichte, bedeutete zugleich negativ, daß jeder Maschinenteil von jedem anderen, also auch von der Fehlleistung jedes anderen Maschinenteils, abhing. Plötzlich erlitt, weil in einem einzigen Teil eine Panne eingetreten war, das ganze Netz eine Panne; plötzlich zeigte es sich, daß der den Maschinen ›eingeborene‹ Expansionsdrang, das Zusammenwachsen der Einzelmaschinen zu Maschinenkomplexen, zugleich auch eine Steigerung der Bedrohung jeder einzelnen Maschine, richtiger: jedes einzelnen Maschinenteils, zur Folge hatte. ...

Auf Grund der in irgendeinem Nebenwinkel des Netzes stattfindenden Panne — ich beschränke mich hier, obwohl das Areal des Versagens sehr viel breiter war, auf die Schilderung von New York — saßen nun plötzlich Hunderttausende von Menschen in den Subway-Katakomben fest, in den IRT und BMT Cars, in Waggons, die nun dastanden wie Steine oder wie Tische, und die niemals davon gehört zu haben schienen, daß sie noch bis eben als mobile Objekte gegolten und sich als solche auch bewährt hatten. Andere Zeitgenossen, ebenfalls Tausende, hingen, während die Straßenschluchten unten sich ungewohnt verschatteten, in paralysierten Fahrstühlen zwischen dem 100. Stockwerk und dem Asphalt, Alpinisten gleich, die sich zwischen Himmel und Erde damit abfinden mußten, auf jenem Gesims in halber Höhe, auf das sie sich verstiegen hatten, nun weiter auszuharren. Millionen Liter Milch in angeblichen Kühlschränken wurden, gleich ob es Babys gab oder nicht — denn die Gültigkeit der Physik hat den Vorrang — sauer. Operationssäle versanken im Dunkel, ohne Rücksicht darauf, ob da gerade ein Herzstich vernäht werden sollte oder nur eine Fingerwunde. Rechenapparate weigerten sich, gleich ob es sich um Grocery Pennies oder um Millionen handelte, Tageseinnahmen zu addieren. Filme erstarben auf ihren Screens, selbst die Bilder von Leichen erstarben. Und hätte gerade einer, ein zum Tode Verurteilter, auf einem elektrischen Stuhle gesessen, er hätte — es ist gar nicht auszudenken — stundenlang thronen können als Pannengewinnler und schauriger Triumphator dieser gespenstischen Nacht. Kurz: Der ungeheure, elektrisch zusammengeschlossene Komplex der Riesenstadt schien plötzlich nichts anderes mehr als ein gigantisches Gebirge von Millionen Pop-Art-ähnlicher, völlig bewandtnisloser und nur ›for the hell of it‹ erzeugter Imitationen von Gebäuden, Maschinen und Einrichtungen. Plötzlich stellte es sich heraus, oder (denn gewußt hatte man das natürlich) plötzlich wurde es jedermann aufs schrecklichste klar, daß es keinen Apparat mehr als individuellen Apparat, keine Maschine mehr als individuelle Maschine gab. Die als avantgardistisch und sinnlos verhöhnte Formel der Gertrude Stein ›A rose is a rose is a rose‹ — nahm hier plötzlich Sinn an, weil sich nämlich herausstellte, daß sie nicht mehr galt, daß Kühlschränke keine Kühlschränke mehr waren, Untergrundbahnen keine Untergrundbahnen, Glühbirnen keine Glühbirnen mehr. Nichts mehr war es selber, weil jedes Stück so ausschließlich zum Ableger der Zentrale geworden war, daß jedes, wenn die Zentrale ausfiel, seinen Sinn mitverlieren mußte. Oder — und diese Formulierung ist nicht minder rechtmäßig — weil jeder ›Ableger‹, da nicht nur er von allen andern abhing, sondern auch alle andern von ihm abhingen, zur Zentrale des Netzes geworden war. Gleichviel, plötzlich wurde es für jedermann deutlich, daß der Hoffnungstraum der Maschinen, einmal zu einer einzigen Totalmaschine zusammenzuwachsen, uns nicht nur mit Hoffnung erfüllen darf, sondern auch mit Schrecken erfüllen muß.

In anderen Worten: Als das Kraftwerknetz zusammenbrach, hat sich gezeigt, daß der Prozeß der Expansion, da er, und zwar in ständig steigendem Maße, die Gefahr eines Stillstandes oder einer Peripetie in sich birgt, nicht einfach gleichmäßig und gleichartig, gewissermaßen in immer weiter sich ausbreitenden konzentrischen Kreisen, fortschreiten darf. Proportional mit dem Anwachsen der Maschine zur Großmaschine, mit dem Anwachsen der Großmaschine zum Großmaschinen-Komplex und mit dem Anwachsen des Großmaschinen-Komplexes zu einem ganzen Netz von Komplexen — proportional damit wächst auch die Gefahr des Versagens, sogar die der Katastrophe. Solange eine Maschine vergleichsweise isoliert arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie von den Defekten anderer Maschinen infiziert wird (oder daß sie andere Maschinen mit ihren Defekten infiziert), viel geringer als dann, wenn sie mit den anderen verzahnt ist. Das Versagen eines einsamen Gerätes bleibt relativ folgenlos. Hängt aber vom Funktionieren eines Geräteteils I das Funktionieren eines größeren Geräteteils II ab und von dessen Funktionieren das des wiederum größeren Geräteteils III usf., dann steigt auch die Gefahr, die jedes einzelne Stück, als möglicherweise ein versagendes, in sich birgt. So unbestreitbar es sein mag, daß der Geräteteil I vom Ganzen: von der Größt- oder Totalmaschine, in die er integriert ist, abhängt, daß die jedem kleinsten Stück innewohnende Chance der Sabotage um so größer wird, je größer das Ganze ist, dessen Teil er ist. ...

Die elektrischen Züge liefen nicht. Wohl aber die Autos. Was bedeutet das?

Offensichtlich, daß die Maschinen um so verläßlicher waren, je deutlicher sie noch als ›Individuen‹ funktionierten, je weniger sie auf kontinuierlichen Anschluß an andere Maschinen angewiesen waren. Ich sage aber: ›auf kontinuierlichen Anschluß‹, weil selbstverständlich auch die Autos keine unabhängigen Apparate, vielmehr auf das Tanken angewiesen sind, weil sie also ihre ›Selbständigkeit‹ der Maschinerie der Gasolinversorgung verdanken und nur vorübergehend zwischen Tanken und Tanken, ›selbständig‹ sind. Das ist freilich nicht nichts, denn der Zusammenbruch der Tankstellen (etwa durch Streik) hätte ja nicht den unmittelbaren Funktionszusammenbruch der Einzelmaschine zur Folge, diese Maschinen können ja den Tankstreik unter Umständen, wenn dieser nämlich nur kurz währte, überdauern.

In andern Worten: Während die Eisen- und Untergrundbahnen gelähmt herumstanden und darauf warteten, wieder zu Maschinenstücken und dadurch auch wieder funktionstüchtig zu werden, liefen die ihre eigenen Kraftreserven mindestens für kurze Zeit selbst mit sich tragenden Autobusse und Personenwagen weiter, so als wäre nichts geschehen. Wie gesagt, damit ist keineswegs gemeint, daß es zwei grundsätzlich voneinander verschiedene Typen von Apparaten gebe. Nicht, daß die einen nur als Apparatteile eines ungeheuren Zentralapparates arbeiten, während die anderen, z. B. die Autos, autarke Wesen und ausschließlich auf sich selbst angewiesen wären, also derartigen Katastrophen wie dem Zusammenbruch des Kraftwerknetzes sorgenlos entgegensehen könnten. So einfach ist die Sache nicht. Ohne ein Netz der Zulieferung, das seinerseits wiederum abhängt von Importen, die ihrerseits wieder abhängen von Ölgewinnungen, die ihrerseits wiederum abhängen von politischen Machtkonstellationen — ohne all das wäre natürlich kein einziges Auto an jenem dunklen Abend in der Lage gewesen, ›aus eigener Kraft‹ und autark weiter zu laufen, während die elektrischen Züge zum Stillstand verurteilt waren.

Aber eine Einsicht ist aus diesem Unterschied doch zu gewinnen:

... Der Großapparat, an den die individuellen Apparate so angeschlossen sind, daß sie nur noch die Rolle von Geräteteilen spielen, hat, so lange er funktioniert, jedem dieser Apparateteile eine eiserne Ration mitzugeben, eine Überbrückungsration, die so lange vorzuhalten hätte, als er, der Großapparat, ausfällt. — Oder anders: Die Zentrale hat für die mögliche Notsituation der Dezentralisiertheit, in die sie geraten kann, Vorsorge zu treffen: sie hat stets so zu funktionieren, daß sie sich, mindestens vorübergehend, überflüssig macht.«

Fraktal Günter Anders