form+zweck 13
Fünf Ebenen eines Augenblicks




form+zweck 13 - Fünf Ebenen eines Augenblicks:

zuhören

Die physische Trennung der Hörers vom Radiogerät veränderte das Hören.

Beim Kopfhören wird der einzelne intim beliefert und an das Gerät angebunden. Der Kopfhörer erzwingt ein Hören in das Radio hinein, das an die Erfindung der drahtlosen Telegraphie erinnert, es ist ein Horchen auf Funktion. Der Lautsprecher erlöst von dieser Anbindung und befreit von derartigen Konzentrationsübungen im Rauschen des Äthers. Die ersten Trichterlautsprecher, die zum Kauf geboten werden, tragen noch schwer an dieser Herkunft. Der gesendete Ton ist vom Rauschen kaum deutlicher getrennt als beim Kopfhörer. Die Lautsprecher wirken akustisch wie aufgeblähte Kopfhörer, denen allerdings der Resonanzraum des Ohres und des Kopfes fehlt. Aber schon auf der 4. Großen Deutschen Funkausstellung werden freistehende Großflächenlautsprecher mit einer akzeptablen Wiedergabequalität angeboten. 1928 gibt es erste elektrodynamische Lautsprecher, die ab 1929 den Markt bestimmen. Im Unterschied zum Kopfhörer, bei dem das Geräusch am Körper anliegt, macht der Lautsprecher das Gesendete umräumlich präsent. Der Kopfhörer ist räumlich diskret, der Lautsprecher raumfüllend. Radio-Hören mit dem Detektor-Empfänger und dem Kopfhörer belegt Zeit, ist besondere Tätigkeit im Tagesablauf — zumal anfänglich wegen schwacher Senderleistungen und vielen Störungen nur Abendempfang möglich war. Das Hören-Wollen strukturiert die Zeit, Hören erfordert Tätigkeit: sich vors Gerät setzen, sich über den Kopfhörer mit dem Apparat verbinden und sich gleichzeitig von der nahen Umgebung isolieren. Der Lautsprecher nimmt dem Radiohören seinen zeiteinteilenden Charakter.

Einer Journalistin des »Arbeiterfunk« von 1930 sind Hausfrauen ein Problem, die, anstatt »Mäßigung« und »Selbstzucht« zu üben, »gleich morgens nach dem Aufstehen den Lautsprecher anstellen. Und dann hören sie den ganzen Tag unentwegt Radio — beim Frühstück, beim Gemüseputzen, beim Kartoffelschälen, Kochen, Mittagessen, Spülen, Nähen usw. Sie hören alles durcheinander, wahllos, hemmungslos: mechanische Musik, Schulfunk, Vortrag, irgendeine Übertragung. Mittagskonzert, Kinderstunde, Dichter- und Frauenstunde, Vesperkonzert — so bis in die tiefen Abendstunden hinein. Und oft genug hört man als Grund dieser Programmauspowerung: Ich zahle 2 RM. Ich will auf meine Kosten kommen. Ich lasse mir nichts entgehen.« (Honekampf, Aenne: Hausfrau und Rundfunk, in: Arbeiterfunk vom 1. August 1930)

Die akustische Raumbelegung wird zeitbegleitend, das Gesendete, jedem Vorgang beizuordnen, simultan. Das Hör-Kontinuum, das durch diese Zeitbegleitung entsteht, vergegenwärtigt eine andere, außerhalb des Raumes befindliche Realität.

»Was ist nun das Besondere am Radio? Hier werden wir verbunden mit Ereignissen, die in dem Moment sich abspielen, wo wir Zeuge, Hörer der Vorgänge sind.« (Woldt, R.: Arbeiterschaft und Rundfunk, in: Arbeiterfunk vom 22. Juni 1930) — Die Gegenwart des Gesendeten ist eine andere als die, in der der Hörer sich befindet. Die Lust am Radio ist die Lust am Mithören, die Lust der Zeugenschaft an Ereignissen, denen man nicht beiwohnt. Überall ist man Zeuge — nicht mehr. Denn das Ereignis, das ins Zimmer lautspricht, ist kein Vorgang, bei dem Mittun möglich wäre. Selbst die Zeugenschaft an ihm ist von keinermans Interesse. Nicht das Gehörte, sondern das Hören zählt. Das gesendete, vom Ort befreite Ereignis und die Hörigkeit, die es nebenher verlangt, erzeugt deshalb auch keine Aufmerksamkeit, sondern Sendungsbewußtsein. Wir sind weniger »Hörer der Vorgänge« als den Vorgängen hörig, auch hören wir nicht mehr in Vorgänge hinein, sondern »durch die Wände unserer Wohnung in die Welt hinaus« (»Was uns das Radio heute ist«; in: Arbeiterfunk vom 3. Januar 1930), ohne uns zu ihr zu bewegen. Nur so ist der »große Erdball klein geworden«. Frühe Kritik bemerkt die Verwandlung der Küche in einen akustischen Weltraum, benennt die Raumfüllung: »Kulissenmusik«. (Schmoll, K.: Die Kunst des richtigen Radiohörens, in: Arbeiterfunk: vom 4. Juli 1930)

Der Gegenstand, von dem aus der Raum besetzt wird, der Lautsprecher, zieht auch den Blick auf sich. Er wird nicht weggeräumt, wenn niemand hört, »die äußere Form des Lautsprechers künstlerisch geschmackvoll zu gestalten« (Kölnische Volkszeitung vom 15. September 1927) wird zur Aufgabe. Die frühen Lautsprecher assoziieren sich mit dem bekannten Nippes aus der Einrichtung: Als tönende Schalen, die auf einen Präsentierfuß hochgestellt sind oder als charakterlose Kleinplastik. Elektrodynamische Lautsprecher werden in ein umfassendes Gehäuse montiert. Oft ist die Gehäuseform alten Uhrkästen ähnlich, nur, daß aus dem Rund der Zeitanzeige nun die Lautansprache tönt. Angst vor dem nackten Loch verziert das Rund mit Ornamenten, Laubsägemaßwerk oder webt Bild- und Blumenteppiche. Der tönende Kasten fürs Ohr erhält zusätzlich ein Motiv fürs Auge, er kann auch wie ein Bild aufgehängt werden.

Ein neuer Typ von Radio, das Kombinationsgerät, faßt die getrennten Bausteine — Lautsprecher, Empfänger, Batterie oder Netzteil — in einer Form zusammen. 1931 schon ist der eingebaute Lautsprecher keine Sensation mehr, die Gehäuseöffnung wird eine ruhigere, stoffbespannte Fläche, die oft mehr als zwei Drittel der Gehäusefront einnimmt. Nicht nur vom Flächenausmaß her dominiert der Lautsprecher die Hierarchie der Gestaltmerkmale an den Radiogeräten. Die Bedienknöpfe sind weit nach unten gedrückt oder an die Seite geschoben, die Hand verdeckt beim Sendersuchen oft die ohnehin recht kleine Skala. Die Vorstellung, daß Lautsprecher und Empfangsteil übereinander angeordnet sein müssen, setzt sich fest. Die bislang querformatigen, dadurch eher liegenden Geräte, richten sich ins Hochformat auf und stehen als aufgerichtete Volumen auf Tischen, Kommoden und Konsolen, wie ein Tabernakel.

1931 durchbricht eine Neuerung die Frontplatte: Verdeckt beleuchtet, über dem zentral liegenden Sendersuchknopf angeordnet, lösen große Skalen die kleinen spionartigen Gucklöcher ab und bestimmen die Gehäusefront. Die Anordnung schließt Hand und Auge bequem zusammen, die Drehbewegung am Knopf erscheint als richtungsgleiche Wanderung eines Zeigers über ein Anzeigenfeld, als Entscheidung in einem Schaufenster. Die Namen auf den Skalen allerdings sind meist ein abstraktes Verzeichnis vieler Sender, eine phantastische Geographie, ein ideologisches Weltverzeichnis. Dieser Wellenatlas ist ohne Zweifel für den Verkauf nützlich, bleibt aber in den meisten Fällen Versprechen: Ohne großen Antennenaufwand ist es unwahrscheinlich, all die aufgeführten ausländischen Stationen zu empfangen. Die Lust an der Skale ist Voyerismus an ausgeschnittener Welt. Die Skalennadel wandert über ein Feld im Schlitz, Sendestationen sind auf dem Halbkreis wie Meridiane des Äthers angeordnet. Der Illusionismus an der gesendeten Welt wird nicht bloß in Kauf genommen, sondern verlangt: »Und dreht man an der Kurbel, und läßt sie Wellen von London und Moskau, von Paris und Köln und Budapest Eintritt ins Zimmer, so bringt diese Musik die Atmosphäre von Weite und Beschwingtheit, bringt Weltluft in den kleinen lieblosen Raum. … Alles versinkt. Und man fühlt, daß nun das geschah, was man so sehr ersehnte: Aufschwung des Herzens und eine zitternde Entrückung! Und: Man ist nicht mehr allein.« (St., P., in: Arbeiterfunk vom 30. Mai 1930)

Die Verbesserung der Empfangsgeräte organisiert die solistische Weltteilhabe, die verbesserte technische Qualität des Hören-Könnens verdrängt die Forderungen in der Arbeiterbewegung nach eigenen Sendern, überspielt nicht bloß die Einsamkeit, sondern auch das Hörig-Geworden-Sein, die etablierte Zugehörigkeit. Ein »arbeitsloser Rundfunkhörer« holt sich die Welt »ins Bett«, allerdings um »Heizung zu sparen«. Er selbst, durch seine Lage sprachlos, weil arbeitslos, demonstriert in einer Grenzsituation, was der Fall geworden ist: Tätigkeit ist auf einen Erlebnispunkt — bloßes Hören, geschrumpft, Tätigkeit durch Untätigkeit ersetzt. Wenn er schon nicht mitreden kann, muß er wenigstens unterhalten werden. Er »flüchtet« immer wieder »in der verzweifeltsten Stunde« zum »unermüdlichen Rundfunkapparat«, »um auf andere Gedanken zu kommen«. Dies ist nicht eigentlich der Fall, er kommt nicht auf andere Gedanken, nur auf jene des Rundfunkapparates und auf den besonderen, daß jener »unermüdlich« sei: Der Rundfunkapparat »hat« immer gute Laune, unterhält den Hörigen damit und liefert »Lebensmut«. So fordert der Arbeitslose von der Regierung, »dem Rundfunkteilnehmer in allen Lebenslagen Helfer zu sein«, die Gebühren für Arbeitslose wegfallen zu lassen, weil er als »wahrhaft guter Republikaner« auch nicht schwarzhören will. (Fritz Kaulbars: Der Notschrei eines arbeitslosen Rundfunkhörers, in: Arbeiterfunk vom Januar 1931, Nr. 1)

Ist das Sendewesen stimmlich anwesend, wird die Sendung eine An-Rede. Es handelt sich nicht eigentlich um einen Sprechakt, sondern um einen Ansprechakt. Dabei können nicht die Positionen des Gesprächs eingenommen werden, weil Sprechender und Hörender die Rolle nicht tauschen können, Erwiderung, Argumentation und Nachfrage sind nicht möglich. Aber die apparative Partnerschaft kommt zurecht, weil der Hörer will ja gar nicht hören, sondern eine Sehnsucht gestillt bekommen, die Tonfolgen sollen Beruhigung, Stillstand der Umtriebigkeit erzeugen. Geräte von Schaub und Telefunken aus dem Jahre 1932 legen den Charakter einer neuen Gehäusegattung frei: es sind dreischiffige Architekturen, Maßwerke über der Lautsprecheröffnung stützen das Gehäusedach und verwandeln die Lautsprecheröffnung in eine Fensterfläche. Das Technische am dreischiffigen Gerät erinnert an die frühen Industriehallen, die oft in ihrer Architektur das Repertoire des Kirchenbaus übernahmen, »Kathedralen der Arbeit« aufrichtend. Dieses Mimetische der Gehäuse erscheint zuerst als eine Vergeudung des Neuen im Alten, als Schwäche, auch weil das Sakrale nichts »zum Ausdruck« bringt. Es heiligt aber den Vorgang, den es kanalisiert. Jenes »missum«, das aus diesen Lautsprechfenstern nicht mehr bloß zum Abendmahl hereinquillt, sondern andauernd, das Abendmahl beiseiteschiebend und durch »Aufschwung des Herzens« erlöst, ist kein Orgelton, sondern profanes Material. Das Radiogene des Lautsprechens hat die Mündigkeit, die in dem heiligen Satze schwingt, daß das Wort im Anfang war, in Hörigkeit verwandelt. Anfang hat das Radio nur im Zeitpunkt des Einschaltens. Sofort ergießt sich die Radiowelt, ein zeit- und ortloser Brei in den Raum: Die durchdringlichen Radiowellen werden durch rhythmische Schwingungen ins Hörbare zurückgespannt. Diese Umspannung ist es, die die Stimmung im Raum erhöht. Schwingungstechnisch ist das Wort verwandelt, zum Tonfall gebracht. Der Klang bestimmt die Assoziationen und besiegt die konkrete Materialität. Drahtlos telegraphisch erscheint die Sendung ungerichtet. Kein Pfennig fehlt zum Glück. Doch nicht das Medium ist die Botschaft, die Sendung ist Mission. Mission (Sendung) entstammt wie Kommiß dem lateinischen »mittere« — losschicken, anheimgeben — und praktisch liegt beides auch nicht weit auseinander.

Fraktal Chup Friemert